Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 31.1914-1915

Seite: 78
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Abb. 158. München, Bavaria.

und so ergibt
sich das eigen-
tümliche Ver-
hältnis, daß das
Kolossalstand-
bild mit einem
nur scheinbar
gr oß en inWirk-
lichkeit aber
kleinem Gebäu-
de verglichen
wird; dadurch
wächst in der
Einbildung wie-
der die Größe
des Standbildes

Abb. 157. Coblenz, Kaiser Wilhelm-Denkmal.

um so mehr und
der Absicht, mit
ihm eine ko-
lossale Wirkung
zu erzielen, ist
damit in noch
gesteigerterem
Maße entgegen-
gekommen.

Aus den in
Vorstehendem
angestellten Un-
tersuchungen,
welche zur Er-
klärung von
Maßstabs-

wirkungen unternommen worden sind, hat sich ergeben, daß die dabei heraus-
gefundenen Werte je nach der Absicht, die man den Dingen jeweils unterschiebt, sich
auch in ihr Gegenteil kehren können. Es ist ohne Zweifel richtig, daß das einzelne
Bauobjekt eindrucksvoller auftritt, wenn es nicht zu sehr in Unterstufen geglie-
dert ist. Eine griechische Tempelsäulenfront macht an sich einen bedeutenderen Ein-
druck, wie ein in drei Stockwerke abgeteiltes im ganzen ebenso hohes Gebäude, beson-
ders wenn es aus weiter Entfernung her gesehen wird. Umgekehrt aber gewinnt doch,
wie wir an der Sophienkirche in Konstantinopel gesehen haben, der Eindruck eines

Raumes an Macht,
wenn dieser von ent-
schieden unterteil-
ten Wänden umfaßt
wird, statt von nicht
unterteilten. Ebenso
wird die Stadtplatz-
größe scheinbar
wachsen, wenn die
ihn umgebenden Häu-
ser mehrfach unter-
teilt sind, und Ab-
bruch erleiden, wenn
sie durchgehende Pi-
lasterordnungen zur
Schau tragen. Daraus

ersehen wir immer wie-
der, daß es jedesmal
auf die besondere Ab-
sicht ankommt, unter
dem man einem Ding
entgegentritt, Was nach
einer Seite Wert be-
sitzt, kann nach einer
anderen Seite Un-
wert werden und so
wird hier wieder ein-
mal wie so oft das alte
Sprichwort: „Eines

schickt sich nicht für
alles“, so recht eindring-
lich bestätigt.

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