Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 31.1914-1915

Seite: 103
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eigenen Sinn sein, wie die Verwendung der Säule und allzu klassischen Ornamentes für
das Privathaus, Aber er muß es als Tatsache hinnehmen, daß der Süddeutsche darin
anders empfindet. Und am Ende entscheidet ja in allen Kunstdingen nicht das Prinzip,
sondern der Wert der Leistung,

Den empfinde ich am stärksten gerade in einem der Säulenhäuser Schmids, dem
Hause des Juweliers, das er in die altdeutsche Hauptstraße Freiburgs hineingestellt hat.
Dieses Werk meinte ich, wenn ich vorher von kühnem und schwierigen Unternehmen
sprach. Es so zwischen die schmalen Giebelhäuser mit ihren relieflosen Fassaden hinzu-
stellen, daß es mit seinem flachen Dach, seinen starken Halbsäulen, seinem plastischen
Schmuck sich bei aller Besonderheit doch in die Reihe stellt, das konnte nur jemand
wagen und durchführen, der seiner Sache sehr sicher ist. Es erforderte den höchsten
Takt und war eine Sache, bei der nichts Erlerntes von irgend welchem Nutzen sein konnte.
Wie es so natürlich und wie von altersher dasteht, denkt man einen Augenblick an das
achtzehnte Jahrhundert, weil man die Leistung keinem Zeitgenossen zutraut. Alte, im
Handwerk erzogene Künstler durften eher so etwas wagen, und haben es gewagt. Dann
freut man sich, daß das auch heute wieder einer kann, und daß sich deshalb die Phantasie
wieder freier regen darf als in der ersten Zeit der Moderne, wo es galt, das strenge Gesetz
zur Geltung zu bringen.

Dieses Haus, das sozusagen als Kunsthaus in der Geschäftsstraße steht, und auch das
Haus Dietler sind als Einzelfälle anzusehen, Und Schmid zeigt in seinen anderen Bauten,
daß er des Ornamentes für seine Wirkungen nicht bedarf, sondern mit der Grundform
allein auskommen kann. Die Bilder, besonders auch von Einzelheiten, einem Eingang, einer
Treppe, bewähren den modernen Baukünstler,

Ein Einfluß, wie er ihn in Freiburg zu üben beginnt, kann nur von einem Architekten
ausgehen, der an einem Orte ansässig ist, Darauf möchte ich mit besonderem Nachdruck
hinweisen, Es ist eine Gelegenheit, die ich seit langem suche. Wie auf allen Gebieten
der Kunst, so ist es auch auf dem der Baukunst ein großer Nachteil, daß sich die besseren
Kräfte schwer entschließen, aus den sogenannten Kunststädten herauszugehen. Ein Nachteil
für die Künstler, die sich hier zusammendrängen und oft unwürdige Arbeit machen müssen,
um nur zu leben, von wirken gar nicht zu reden, und ein Nachteil für die Provinz, die
verödet, weil nur mindere Talente für ihre Aufgaben da sind, und weil sie aus den Kunst-
städten Dinge erhält, die nicht für ihre Bedingungen gedacht sind.

Junge Architekten sollten deshalb über einen Künstler von großer Begabung, der in
seine Heimat zurückkehrt, um dort zu wirken, tief nachdenken, Dann wird mancher seinem
Beispiele folgen. Und dann, und nur dann wird es einmal wieder deutsche Städte geben,
deren neue Quartiere neben den alten nicht wie eine schmerzliche Scham dastehen.

Fritz Stahl.

Erläuterungen des Architekten.

Haus Hofmöbelfabrikant Adolf Dietler, Freiburg i. Br, Größeres Einfamilien-
haus, Stil: Aus den Abbildungen ersichtlich. Die Fassaden sind rauh verputzt; für die
Architekturteile wurde gelbgrauer Muschelkalkbetonstein verwendet und das Dach mit
Biberschwänzen gedeckt.

Wohn- und Geschäftshaus, Hof juwelier F, Lodholz, Freiburg i. Br., Kaiser-
straße 64. Dieses Haus ist vor einigen Jahren an die Stelle eines bescheidenen älteren
Geschäftshauses getreten. Dasselbe dient im Erdgeschoß des Vorderhauses als Juwelier-

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