Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 31.1914-1915

Seite: 114
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Der Waldfriedhof in Stuttgart.

Auf einer fast horizontalen Terrasse in den Waldungen, die sich vom Südende Stutt-
garts gegen die Filderebene hinaufziehen, hat die Stadt Stuttgart einen Waldfriedhof
angelegt.

Die neu angelegten Zufahrtsstraßen von Alt-Stuttgart und vom Filder Vorort Deger-
loch führen unmittelbar auf den Haupteingang zu. Um den freien Platz vor diesem grup-
pieren sich die Friedhofsgebäude. Links vom Friedhofseingang erhebt sich als beherrschender
Bau der Versammlungsraum, daran schließen sich die niedrigeren Bauten für die Ver-
waltung, die Leichenwärterwohnung und an einem rückwärtsliegenden Wirtschaftshof das
Leichenhaus mit Sezierraum, sowie die Wirtschaftsräume, Wagenschuppen, Waschküche,
Arbeiterkantine mit Bad an. Rechts vom Eingang liegt das Verwalterwohnhaus, An
der südwestlichen Seite des Waldfriedhofs befindet sich ein Nebeneingang mit Unter-
standshäuschen.

Die gesamte Architektur ist der Lage im Wald entsprechend in einfachen, ruhigen
Formen gehalten, nur dem Versammlungsgebäude wurde eine bedeutendere Note verliehen.
Die Wandflächen sind mit Terranova verputzt, unter Verwendung von Cannstatter Tuffstein
für einzelne Architekturteile und für die Bildhauerarbeiten.

Das Versammlungsgebäude besteht aus dem durch hohes Seitenlicht erhellten Ver-
sammlungsraum, er wird vom Friedhofsvorplatz aus an der Stirnseite durch eine Vorhalle
betreten, an die sich rechts und links Warteräume anschließen, deren einer für kleinere
Leichenfeiern benützt werden soll. Vom Versammlungsraum führen an den Langseiten
Ausgänge unmittelbar in den Friedhof. An den Langseiten liegen noch der Raum für
den Geistlichen, 1 Leichenwärterzimmer und 1 Pflanzenraum; auf der Rückseite des Ge-
bäudes gegen den Friedhof, die den architektonischen Abschluß einer Waldwiese bildet,
die schon vorhanden war und als Hauptorientierungsachse benützt wurde, befindet sich eine
große Brunnennische mit Brunnenfigur aus getriebener Bronze.

Das Leichenhaus, das durch eine Durchfahrt vom Versammlungsgebäude getrennt ist,
ist nach hygienischen Grundsätzen eingerichtet. Im Mitteltrakt der dreischiffigen Anlage
liegen die 10 Leichenzellen mit hohem Seitenlicht, rechts und links davon der Besucher-
gang und der Dienstgang. Ersterer wird von der Durchfahrt neben dem Versammlungs-
gebäude aus betreten, in den letzteren werden die Leichen vom Wirtschaftshof eingebracht,
um in den Zellen aufgebahrt zu werden; außerdem steht der Dienstgang in Verbindung
mit dem Sezierraum und dem Leichenkeller zur Aufbewahrung von Fundleichen usw.
Diese beiden Räume sind unter sich durch einen Leichenaufzug verbunden.

Die natürliche Lüftung der Leichenzellen kann durch Ventilatoren unterstützt werden.

Über die Ausstattung des Innern ist noch zu bemerken:

Die Wände der Vorräume und des unteren Teils des Versammlungsraums sind mit
getöntem Terranovaputz verkleidet, im oberen Teil ist der Versammlungsraum dunkel ge-
tönt, ebenso die Holzdecke und mit strengem, linearem Ornament aufgelichtet.

Die den Versammlungsraum abschließende Nische zeigt auf Goldgrund zwei kreuz-
tragende schwebende Engelsfiguren vom Kunstmaler Mössel in München.

Die stimmungsvolle Bemalung der Haupträume rührt von den Malern Sachse und
Rothmann unter künstlerischer Mitwirkung von Kunstmaler Mössel her.

Zu den Tür- und Heizkörperumrahmungen und zu Bänken und Fußsockeln im Ver-
sammlungsraum ist polierter Cannstatter Tuffstein, zu allen sonstigen Architekturteilen ge-
stockter oder aufgeschlagener Tuffstein verwendet; in jeder Bearbeitungsweise, namentlich
poliert, hat dieses Material eine prächtige Wirkung.

Der Bodenbelag im Vorraum und Versammlungsraum ist aus Solnhofer Platten,

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