Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 31.1914-1915

Seite: 145
DOI Artikel: 10.11588/diglit.27701.12
DOI Seite: 10.11588/diglit.27701#0149
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/architektonische_rundschau1914_1915/0149
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
liehe Energie bringen dann desto reinere Befriedigung, — Straumers Landhäuser haben
nicht jene raffinierte Einfachheit, die nur möglich ist, wenn man die nun einmal kantige,
schrullige Wirklichkeit vergewaltigt, Ihre Schlichtheit ist nicht Glätte, Die Mannigfaltig-
keit des Lebens verleiht auch seinen billigsten Häusern noch eine gewisse Mannigfaltigkeit
der Formen,

Das zeigt sich schon in den Grundrissen, Viele Architekten geben ihren Landhäusern
Pläne von einer frappierenden geometrischen Harmonie, Wenn man dann genauer zusieht,
so sind gerade diese Grundrisse am meisten gekünstelt, und die gleiche Größe, gleiche
Gestalt der Räume, die man so erhält, wirken in ihrer Folge nicht einmal schön. Straumers
Pläne sind weniger „ausgeglichen". Da gibt es wieder verlorene Winkel, da gibt es stille
Korridore und alle jene Aus- und Einbuchtungen, die den Raum interessant machen und
dem Spiel des Tages so gefällig sind- So ein Haus ist dann erst ein rechtes Heim auch
für Kinder, denen ein jeder Winkel als Spielplatz dienen mag. Auch das größte und
komfortabelste Kinderzimmer wirkt demgegenüber als Kerker für das abenteuerlustige Kind,
Der Grundriß muß sich aus dem Gelände und aus den Zwecken des Haushalts ergeben;
ob er auf dem Papier mehr oder weniger ausgeglichen erscheint, kommt gar nicht in Be-
tracht, Ein größerer Haushalt verlangt eine erhebliche Zahl von Nebenräumen, die der
konstruiert einfache Grundriß mit den übergroßen Räumen niemals bieten kann.

Es ist Straumer geglückt, seine Bauten bis ins letzte lebendig zu machen, ohne
sonderlich über die Aufwendungen der reinen Zweckform hinauszugehen, Straumers
Türen, Fenster, Wände, Erker sind selten reicher, als die einfachsten Typen, Unter den
einfachsten Formen sind aber mit instinktiver Sicherheit die gefunden, die am stärksten
von der Poesie der Häuslichkeit getränkt sind. Seine Häuser haben keine leere Fläche,
keine gleichgültige Einzelheit, Die Bauglieder sind künstlerisch fein geformt und verteilt,
Wände, Dach, Schornstein, Erker, Treppe stehen wie Strophen eines Liedes zusammen,
eines derb-frohen Jägerliedes.

Straumers Bestreben ist offensichtlich darauf gerichtet, alle die Dinge ins moderne
Landhaus herüberzuretten, die uns das alte Bürgerhaus so lieb und traut gemacht. Und
das immer in einer Form, die von ihrer alten, gesunden Schönheit möglichst viel bewahrt,
So hat fast jedes Fenster einen andern Charakter, aber nüchtern, charakterlos ist keins.
Das geht so bis zum Riegel und Türgriff herunter. In die reichere Art, wie sie Landhäuser

Abb. 352. Heinrich Straumer. 1 ürschloß.

37

145
loading ...