Arndt, Paul  
Studien zur Vasenkunde — Leipzig, 1887

Seite: 62
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1886, Taf. II . welches Studniczka (a. a. O. p. 79) als zum Giebel
des älteren Dionysostempels gehörig anspricht. Auch hier, im
Oiehel seines Tempels, diirfen ivir die Anwesenheit des Gottes
mit Sicherheit voraussetzen. IJher die den Dionysos umgeben-
den Thyiaden in einem der Giebelfelder des deiphischen Tempels
(Paus. X, 19, 4) erfahren ivir nichts Näheres. Und in welcher
Weise werden sonst die Gestalten des bacchischen Kreises —
nicht als Begleitung des Dionysos, sondern ihrer tollen Aus-
gelassenheit ungehindert üherlassen — auf dem Gehiete der
Plastik und Malerei alter Zeit dargestellt? Das archaische Re-
lief aus Delphi M.-W. II, 40, 472 und die Münzen von Thasos,
Lete und Orrheskos (M.-W. I, 80—84; Haumeister s. v. Münz-
kunde, p. 949, Abh. 1086) mit den Darstellungen nymphen-
raubender Silene oder Kentauren können uns nur zeigen, wie
naturwiichsig derb, wie frei von aller rafhnierten Sinnlichkeit
die Auffassung solcher Scenen im 5. Jahrh. war. Und was lehrt
uns die litterarische Uberheferung von der Verehrung des Dio-
nysos im alten Attika? Ribbeck (Anfänge und Entwicklung des
Dionysoskultes in Attika, Kiel 1869, p. 15 f.) beschreibt die dio-
nysischen Feste in Ikaria, der ältesten Heimat des attischen
Bacchusdienstes, in folgender Weise: xAusser dem symbolischen
Spiel der dem häurisch grotesken Tanz auf dem schlüpf-
rigen Weinschlauch (do*zcjiuMO',uög), der Procession mit dem leder-
nen Phallos unter Absingung eines übermütig andächtigen Liedes
an den Segenspender Phales, hildete mehr und mehr den Gianz-
und Höhepunkt des Festes die Darstellung des Dithyrambos um
den Altar des Dionysos. Fin Chor von Satyrn in Bocksfellen
unter Leitung eines Vorsängers (^d^/co-v) trug singend und tan-
zend Geburt und Schicksale des wunderbaren Gottes vor.<( Weht
nicht aus dieser Beschreibung uns ein ganz anderer Geist als
aus den Vasenbildern entgegen? Bei allem Übermut verleugnet
sich dort nirgends der rituelle, kultgemässe Charakter der Feier,
wie ihn ähnlich auch echtkorinthische Bilder (z. B. Benndorf 7;
do/. 1885, 7) wiedergeben, während wir auf den
))attischen(( Vasen von solchem Ernst im Scherze nicht das Ge-
ringste spüren. Hier nur Genrescenen aus dem dionysischen
Kreise: derbe Ausgelassenheit,- die weit eher an das Satyrspiel
der Tragödie erinneTt, Sinnlichkeit und Lüsternheit, die oft an
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