Arndt, Paul  
Studien zur Vasenkunde — Leipzig, 1887

Seite: 82
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liiälde der hohen Kunst. Ich nehme deshaib Anstoss an den aus-
gefühiten Landschaften, z. 13. dei* Wüizhurger Phineusschale,
ferner der Yasen Gerhard, A. V. III, 132 u. 133, 1 u. 4: I, 15;
Mus. Greg. II, 49, 2a = Hrunn, Yorlegebl. 19, beiwelchen wir
oben bereits auf die malerische Behandlung der Bäume aufmerk-
sam machen mussten.
42. Himmelserscheinungen gar dürfen wir nun gewiss nicht
auf s.-f. Yasen erwarten. Die panathenäische Amphora des Yer-
gers, Etrurie, pl. 5 (= Mon. d. I. YI, 9 u. 10; vgl. Welcker, A.
D. Y. p. 318), auf deren Riickseite die Ilalbügur der Nyx über
einer ganz natürlich gemalten Wolke hervorschaut, miisste des-
halb schon aus diesem Grunde unser Bedenken erregen, wenn
nicht de Witte (Ann. d. I. 1877, p. 300, Anm. 1) sie ihrer um-
fänglichen Restaurationen halber fiir verdächtig erklärt hätte.
Aber auch die oben erwähnte s.-f. Yase Dubois-Maisonneuve 29, 2,
auf welcher die Sonnenscheibe über einem Yiergespanne schwebt,
ist geeignet, durch diese Wiedergabe eines Naturphänomcns unser
Befremden zu erregen.
43. Noch ein anderer Punkt in der Entwicklungsgeschichte
der zeichnerischen Fertigkeit, nämlich das Aufkommen von Yer-
kiirzungen, verlangt fiir unsere Zwecke eine eingehendere Be-
trachtung. Plinius (35, 126) berichtet, dass Pausias von Sikyon
(um die Mitte des 4. Jahrh.) der Eründer dieser Iiunst gewesen
sei, und nennt als sein Hauptwerk nach dieser Richtung das Ge-
mälde des Stieropfers, auf welchem man, obwohl der Stier von
vorn, nicht von der Seite genralt war, doch die ganze Länge des
Körpers erkennen konnte. Nun finden wir aber bereits auf plas-
tischcn Werken älterer Zeit, den Friesen des Niketempels, des
Theseions und des Tempels von Phigalia, in ähnlicher Weise auch
auf dem des Erechtheions, dann auch auf Münzen aus der Mitte
des 5. Jahrh. (z. B. Baumeister s. v. Münzkunde p. 958, Abb.
1132, b) mehrfache Yerkürzungen, und es ist durchaus unwahr-
scheinlich, dass ein derartiger malerischer Yersuch zuerst durch
die Plastik in die Kunst eingeführt worden sei. Wir dürfen also
mit einiger Wahrscheinlichkeit bereits der Kunst des Polygnot
die Anwendung von Yerkiirzungen zuschreiben.
Dieser Widerspruch zwischen litterarischer und monumentaler
Uberlieferung wird sich nach Brunns Ansicht lösen, wenn wir
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