Arndt, Paul  
Studien zur Vasenkunde — Leipzig, 1887

Seite: 154
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die schönsten solche Grab- oder Prothesisamphoren, die auch in
diesem Stile sich in Itnlien nicht tinden. Ebenso sind mir Terrinen,
Pyxiden, Dreiftisse, sog. Dachhohiziegel (imbrices) mit s. und mit
r. Figuren, Formen, die in Griechenland sehr häuhg sind, a.us
Itaiien teils gar nicht, teils nur in vereinzelten Exemplaren be-
kannt.
Den tektonisch-rothgurigen Stil zeigen aus griechischen Fun-
den fastdurchgängig nurLekythen undAlabastra; in Italien da-
gegen verfolgen wir seine Ilauptentw icld ung an den Schalen,
die in diesem Stile in Griechenland fast gänzlich fehlen. So hat
das an italischen Schalen sehr reiche Berliner Museum nur eine
einzige Schale aus Griechenland (2310).
Dass sich Vasen der ältesten attischen Gattung, wie die Olpai
von Phaleron und die Dipylonvasen, nicht in Italien bnden, mag
dadurch sich erklären, dass in so früher Xeit kein Export statt-
fand. Aber warum fehlen in Italien durchaus die sehönen weiss-
grundigen Lekythen Attikas mit Darstellungen des Totenkults,
mit den Gestalten des Charon, des Briiderpaares Schlaf und Tod?
Haben dieselben denn einen so specihsch attischen Charakter?
Fiir die obengenannten Prothesis- oder Grabamphoren, welche
Scenen dcr Bestattung oder der Vermählung zeigen, liesse ich
diesen Einwand noch gelten — obwohl sich auch sonst auf in
Etrurien gefundenen Gefässen Darstellungen privater, häuslicher
Verhältnisse hnden und anderseits den kampanischen und sicili-
schen Griechen diese Vorstellungen doch gewiss geläuhg sein
mussten -—: aber musste denn nicht gerade der Gedankenkreis,
in dem sich die weissgrundigen Lekythen bewegen, mit der diisteren
Figur des stygischen Fährmanns, den Fliigelgestalten Hypnos und
Thanatos, dem Etrusker, dem Freunde des Schauerlichen, Dämo-
nischen besonders nahe liegen? Und miissen wir nicht auch hier
fragen: warum hat man dann diese herrlichsten Erzeugnisse at-
tischer IHeinkunst, diese oBilder voll Geist und attischer Fein-
heit, wie von den Grazien im Traume eingegeben« (Welcker,
A. D. III, 254, zu Stackelberg, Gr. d. H. Taf. 28) nicht wenig-
stens den stammverwandten Hellenen Kampaniens und Siciliens
iibermittelt ?
Diese Lekythen gehören zum grössten Teile in die Zeit des
nschönen« Stils, ungefähr in die erste Hälfte des 1. Jahrh., in welcher
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