Arndt, Paul  
Studien zur Vasenkunde — Leipzig, 1887

Seite: 155
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man Jebhaften Ilandelsverkehr Athens mit Italien annimmt: aber
ist denn nicht ein ganz hedeutender künstlerischer Unterschied
zivischen diesen attischen Arbeiten und den in Italien gefunde-
nen Vasen des ))schönen<( Stils, der Kodrosschale und dem Kan-
tharos des Epigenes z. B., denen ich ähnliche Grefässe aus Grie-
chenland in grösserer Anzahl nicht an die Seite zu setzen weiss?
Man scheint in neuerer Zeit das Auge für diese Verschiedenheiten
verloren zu haben.i). Wenigstens kann ich mir es nur so erklä-
ren, wenn z. B. Furtwängler, otfenbar durch die Aehnlichkeit der In-
schriften verlei'tet, den schönen Aryballos a.us Trachones bei Athen
mit derDarstellung des dionysischcn Thiasos (Berlin 2471; Furt-
wängler, Samml. Sabouroif, Taf. 55), den ganz der gleiche künst-
lerische Geist durchweht, wie jene attischen Lekythen, demselben
Maler zuteilt, wie die Rüchtige und nachlässige Vulcenter Schale
Berlin 2532 (Gerhard, Trinksch. und Gef. VI und VII). Ueber
die historische Stellung dieses italisch-schönen Stils, ob zeitlich
der Periode der Imitation vorausliegend oder folgend, wage ich
iibrigens noch keine Entscheidung zu trelfen.
Ich erkenne in den hier dargelegten Verschiedenheiten im
Vorkommen einzelner GeßLss- und Stilgruppen eine Thatsache
von nicht zu unterschätzender Bedeutung, welche von Seiten der
Anhänger der attischen Entstehungstheorie noch nicht die gerr
niigende Erklärung gefunden hat.
78. Man hat nun wohl, um sich iiber die Verschieden-
heiten in den Formen italischer und griechischer Funde hinweg-
zusetzen, auf die entgegengesetzte Bestattungsweise beider Natio-
nen hingewiesen. Die geräumigen Grabkammern, in denen die
Etrusker ihre Toten bargen, erlaubten, den Reichtum und die
Bequemlichkeiten, die das Leben des Verblichenen verschönt
hatten, ihm mit ins Grab zu geben, und so finden wir hier neben
prächtigem Schmuck und kostbarem Zierrat auch die Watfen,
das Hausgerät, das Geschirr, dessen sich der Tote einst bedient.
Die Griechen dagegen bestatteten, wenn sie die Leichname nicht
verbrannten oder ohne weiteres Behältnis beisetzten, in engen
') Vgl. z. B. F. Winter, d. jüngeren att. Vasen etc. p. 4 a. E.: "Es ist
nicht ein höherer Grad künstierischen Xönnens, sondern nur die Eigenart der
Technik und die Lebhaftigkeit der Produktion, welche die polyehromen Grab-
lekythen von den übrigen gleichzeitigen (italischen) Gefässen unterscheidet."
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