Arndt, Paul  
Studien zur Vasenkunde — Leipzig, 1887

Seite: 160
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Schalenmaleiei. Man wiid mir entgegenhalten, dass ich hier zu
voreilig auf Unterschiede schliesse, dass ich die Form der grie-
ehischen Gefässe, die fast durchgängig Lekythen und Alabastra
sind, ausser Acht lassc. Die kleine Bildhäche derselhen gestatte
nicht die Entwicklung grösserer mythologischer Kompositionen,
sie lassc die Yerhindung von nur wenigen Figuren zu.
Ich kann die Berechtigung dieses Einwandes nicht leugnen;
denn auch auf den italischen Gefässen kleinerer Formen sind
mythologische Darstellungen seltener. Aber es fragt sich doch,
ob wir hier nicht eine zufällige Uehereinstimmung zu erkennen
hahen, ob nicht doch das starke Hervortreten genreähnlicher
Scenen auf griechischen Vasen weniger durch die Form der Ge-
fässe, als vielmehr durch eine specielle Eigentiimlichkeit der
griechischen Kunst im Gegensatz zur italischen zu erklären ist.
Wenigstens zeigen die attischen Gefässe der Hälteren Hälfte des
schönen Stilstt, deren Formen keineswegs auf Lekythen, Alabastra
und andere kleine Arten beschränkt sind, sondern bei denen wir
mannigfache grössere Formen hnden, so gut wie ausschliesslich
Scenen des täglichen Lebens in realistischer oder poetisch um-
schreibender Auffassung. Die wenigen mythologischen Beispiele
auf griechischen Vasen dieses Stils in der Berliner Sammlung;
Boreas und Oreithyia (2384), Wegführung der Aethra (2408) und
Frauenverfolgung und Brautwerbung (2518) stehen, davon abge-
sehen, dass keines derselben aus Attika stammt, durch ihre Gegen-
stände dem Genre sehr nahe; auch sie sind so zu sagen x herot-
sierte Genrebildertt. Sehr chaiakteristisch ist 2395: <; Zu Hause
bei Amphiaraostt. Keine Spur mythologischer Auffassung, sondern
ein reines Genrebild, duich beigeschriebene bekannte. Namen der
Sage individualisiert. Auch 2418, die Vase mit dem myronischen
Marsyas, steht ihrem Motive nach in der Mitte zwischen Mythus
und Genre und ist zudem die mehr oder weniger getreue Kopie
eines beriihmten Kunstwerkes. Und so wird man auf griechischen
Gclassen dieses Stils durchgängig das Zuriicktreten mythologischer
Darstellungen verfolgen können, die erst, entsprechend der Ent-
wicklung der unteiitalischen Vasenmalerei, in der aspäteren Hälfte
des schönen Stils« wieder zum Durchbruch gelangen. Auf clen
italischen Gefässcn dieser ))älteren Hälftetf ünden wir nun aller-
dings auch bei weitem mehr dem Genre als der Sage angehörige
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