Arnold, Friedrich Johann Andreas   [Hrsg.]
Projecte der höhern bürgerlichen Baukunst — Karlsruhe , Baden, 1831

Seite: 6
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übrig Hess. Aber lange vorher, ehe noch ein Plato und Ecklides oder
ein Hippokrates in das Heiligthum der Wissenschaft eingegangen waren —
in dem jugendlichen Alter der Griechen, wo die Macht des Gefühles und
• der Einbildungskraft allein das schöpferishe Streben der Seele anfacht und
forttreibt, hat dieses Volk zahlreichere und edlere Werke der redenden
Kunst, als jedes andere Volk des Erdbodens, erzeugt, die, mit dem Stempel
der Vollkommenheit geschmükt, würdig waren, als Muster bewundert zu
werden. Der grosse Virgil rang umsonst nach dem, was er für das Höchste
in der Kunst hielt, den Homer durch eine glückliche Nachahmung zu
erreichen. Horaz strebte dem Alkaeus nach, aber verzweifelte für immer,
einem Pindar im stolzen Fluge seines Gesanges gleich zu kommen.

Wenn wir aber zur bildenden Kunst übergehen, so können wir aus
einem Apollo von Belvedere, den jetzt die Welt anstaunt, nur beiläufig
ahnen, welches erhöhte Götterleben der Meissel des Phidias und Praxiteles
dem Marmor mitzutheilen wusste.

Sollte aber auch dieser reine Sinn — dieses verklärte Gefühl für das
Erhabene und Schöne, diese geläuterten Wahrnehmungen des Ebenmasses
und Einklanges, welches sich nur auf einen Theil der Bildnerei erstreckt,
plötzlich in der architectonischen Plastik stumpf und wirkungslos geworden
seyn? Oder musste nicht dasselbe geistige Vermögen, welches Göttergestalten
mit überirdischem Zauber dichtete und erbaute, auch Götterwohnungen
aussinnen, die an Adel und Erhabenheit würdig waren, die Himmlischen
auf der Erde aufzunehmen, und den Göttern ihre olympischen Palläste
unter den Sterblichen wieder zu geben ?

Bis auf die Tage Solon's, des Atheners, hatten die griechischen Tempel
alle ohngefähr denselbigen Styl, den dorischen, der so ernst, wie in der
Musik die dorische Sangweise, auch der strengere Styl genannt werden
könnte, welchen Ausdruk man zuweilen in der Bildhauerei gebraucht,
um den altern Kunstgeschmack zu bezeichnen, der vom hetrurischen wenig
verschieden ist.

Aber dieser gleichmässige Ton und eine sclavische Wiederholung der-
selben Regel konnte nicht lange Bestand haben bei einem gedankenreichen
Volke, welches immer unruhig vorwärts strebte, bis es seinem angebornen
Schönheitsgeflihl selbst Genüge leistete. • '
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