Arnold, Friedrich Johann Andreas   [Hrsg.]
Projecte der höhern bürgerlichen Baukunst — Karlsruhe , Baden, 1831

Seite: 7
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Den Uebergang zu einer neuen Form wagte Ktesiphon von Gnossus in
den Zeiten des Crösus und des Polycrates von Sa mos, deren Zeitgenosse
Solon war. Ein Prachtgebäude, welches die verbündeten griechischen
Städte Asien's unternahmen — der Tempel der Diana zu Ephesus (der
Tempel der Diana zu Ephesus, von Hirt, Berlin 1809, Seite 6 bis 12, und
Vitruv. Lib. IV, Kap. 1) sollte vom Genie des Künstlers eine eigene
Herrlichkeit erhalten, die bisher nicht gesehen war.

Er forschte nach neuen Verhältnissen und nach einer Form, die, minder
ernst und schwerfällig, dem jugendlichen Charakter der Göttin angemessen
war, und erfand die jonische Säulenordnung. Denn nach den Säulen
richtete sich billig das Verhältniss aller Theile, da die Stützen des Haupt-
gebälkes die Höhe des Baues bestimmen, womit alles Uebrige in Einklang
treten muss.

Sechsunddreissig Olympiaden nach dem Anfang des Dianentempels
begegnet uns die erste Erwähnung korinthischer Säulen an dem Tempel
der Pallas, welchen Skopas zu Tegea erbaute (Winkelmann Anmerkungen
über die Baukunst der Alten, Dresden 1808, von Fernow, pag. 378).

So war die dritte Form der architectonischen Plastik; nicht so einfach
gross, wie die dorische, weniger lieblich als die jonische, aber reicher
und prachtvoller als beide. Dass jede derselben einen grossen ästhetischen
Werth hatte, wird schon dadurch einleuchtend, dass keine die andere
verdrängte, sondern alle sich zugleich behaupteten, und lediglich der
verschiedene Charakter der Gottheiten, oder der öffentlichen Gebäude,
die Wahl des Künstlers bestimmte.

Man hatte daher nicht einen einzigen Kanon , wie Polyclet aus der
Messung vieler schöner Menschen ein Vorbild des vollkommenen Menschen-
baues entwarf, sondern die Ueberlegungen des erfindenden Kunstsinns
führten damals atich auf einen dreifachen Kanon, oder auf ein dreifaches
Vorbild, welches in den drei Ordnungen gegeben ist.

In diesem günstigen Zeitraum entstand jene grosse Schöpfung der Bau-
kunst, deren Werke in grosser Zahl noch jetzt über ihrem Grabe einem
Felde gleich, deren ungezählte Aehren emporstarren, der Nachwelt in
jenem classischen Boden übrig geblieben sind.
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