Arnold, Friedrich Johann Andreas   [Hrsg.]
Projecte der höhern bürgerlichen Baukunst — Karlsruhe , Baden, 1831

Seite: 9
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eine Schale, welche die Gewässer aller auf diesem Berge befindlichen
Flüsse auffängt, um sie in das Meer zu giessen.

Der Gedanke gefiel dem Alexander, und er erkundigte sich sofort, ob
auch Ackerland genug umher liege, welches die Städte hinlänglich mit
Getreide versehen könne. Als er aber fand, dass sie bloss von der Zufuhr
zu Wasser würden leben müssen, so sagte er : Ich gestehe, Dinocrates,
dein Gedanke ist vortrefflich und er gefällt mir, allein ich sehe ein,
dass, wenn man an einem solchen Orte eine Pflanzstadt anlegte, man sich
den Vorwurf des Mangels an Ueberlegung zuziehen würde. Denn so wie
ein neugebornes Kind nicht ohne die Milch der Amme ernährt, noch zu
höhern Stufen des Lebens aufgebracht werden kann, eben so wenig vermag
auch eine Stadt ohne Ackerland und Ueberfluss an Feldfrüchten weder
zu gedeihen und volkreich zu werden, noch ihre Einwohner zu erhalten.
So sehr ich daher deine Vorstellung billige, so sehr missbillige ich den
Ort zur Ausführung derselben. Jedoch behalte ich dich bei mir, um
mich deiner Hülfe sonst zu bedienen.

Von nun an verliess Dinocrates den König nicht, auch nach Egypten
folgte er ihm. »

Auch erzählt Plinius, Lib. XXIV, Cap. /\2 : Dinocrates habe das
Gewölbe des Tempels, welches Ptalomäus Philadelphus seiner verstorbenen
Gemahlin Arsinoe erbauen lassen wollte, aus Magneteisen-Steinen zu ver-
fertigen angefangen, dass darunter Arsinoens eiserne Statue in der Luft
zu schweben scheinen möchte, allein vor Vollendung des Baues seye sowohl
der König als der Baukünstler gestorben.

Unter solchem Kunstsinn konnte ein Genie erwachen, allein auch nicht
minder bei einem nicht wohl berechneten Luxus der edle einfache
Geschmack verfehlt werden. Hier war der Scheideweg, wo man vom
Schönen auf das Ueberflussige schritt.

Durch die luxuriöse Lebensart unter Alexanders Regierung gewöhnten
sich die Griechen nur an den Sinn des zeitlichen Genusses, und so fiel
auch späterhin die schöne Poesie der Kunst für den Eindruck der Seele
auf die blosse gemeine wollüstige Pracht der Gebäude, deren Werth man
nur aus der Anzahl der daran verschwendeten Goldmünzen zu schätzen
wusste. ' •

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