Arnold, Friedrich Johann Andreas   [Hrsg.]
Projecte der höhern bürgerlichen Baukunst — Karlsruhe , Baden, 1831

Seite: 13
DOI Seite: Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/arnold1831/0017
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
facsimile
— 13 —

Uebergehen wir aber alle gelehrten Nachforschungen, die uns zwar
einzeln lehrreich, zur Ausbildung eines allgemeinen Systems für den wahren
Kunststyl aber nicht beruhigen können, zur einfachen Grundlage, dass
bei allen Völkern, früh oder spät, die Cultur gekommen ist, oder kommen
wird*, und mit ihr die Baukunst, die unter allen Zweigen des mensch-
lichen Wissens einen vorzüglichen Rang einnimmt, und auf das öffentliche
Wohl, auf die Civilisation des Menschengeschlechts so sprechend wirkt,
die drei Abstufungen vom Nothwendigen auf das Schöne und von diesem
auf das Ueberflüssige erhalten hat oder noch erhalten wird.

Natur, Clima und Sitten mögen überall der Leitfaden hiezu gewesen
seyn, und werden auch, wie immer, noch jetzt die eigene Richtung der
Bauart in den verschiedenen Ländern bestimmen.

Jedes Land hat beinahe seine eigenen Bedürfnisse, und die Natur erzeugt
auch da selbst ibre bestmöglichste Befriedigung. Die Verhältnisse an einem
Gebäude, die im Süden das Clima ertragen macbt, würden im Norden
bei allgemeiner Klage über Nachtbeile nicht mehr geliebt werden können,
daher für den Baukünstler die grosse Wahrheit, dass er unter allen
Umständen die von der Natur bestimmten Verhältnisse auch dem Auge
anzupassen suche, und das, was in einem Lande schön und zweckmässig,
nicht überall als Muster dienen kann.

Ein nach allen Reaeln der Baukunst und nach allen climatischen
Bedürfnissen im Süden ausgeführtes Haus würde im kalten Norden eben
so wenig seinem Zweck entsprechen, als ein dortiger Baum, in dieses Clima
verpflanzt, Früchte tragen kann.

Der leidige Hang, auch diesseits des Erdkreises die griechische und
römische Schule der Baukunst zu verpflanzen , hat auch die praclische
Kunst rege gemacht, Alles anzuwenden, um solche dem Clima erträglicher
zu machen, allein es bleiben immer Treibhauspflanzen, .und nur Surrogate,
die dem Urstoffe nachstehen müssen.

Warum sollen wir in trüben gelehrten Nachforschungen das mit Mühe
aufsuchen, was wir aus der Urquelle der rohen Natur unserer Vorfahren
selbst schöpfen können?

Aber nicht bloss dieser climatischen Abweichung verdankt die Baukunst
ihre verschiedenartigen Style, auch die veränderten Religionsübungen
loading ...