Arnold, Friedrich Johann Andreas   [Hrsg.]
Projecte der höhern bürgerlichen Baukunst — Karlsruhe , Baden, 1831

Seite: 16
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Regel in ungebundener Willkühr entworfen, oft genialisch kühn gedacht,
aber aus den Ansichten des verwilderten Genies hervorgegangen und mit
frechem Trotze im Gefühle wilder Macht hingestellt sind.

Statt das einfach Grosse in edler Form zu erzielen, bemühten, sie sich,
ungeheure Massen aufzuthürmen, und hielten für artistisch gross, was
physisch einen wreiten Raum erfüllte. Die materielle Grösse sollte den
Mangel der geistigen ersetzen, und damit erreichten sie zwar den Ausdruck
ungezähmter Stärke, aber jenen der erhabenen Seelengrösse nicht. Sie
erregen Bewunderung, aber es ist die Bewunderung, die uns von einem
Riesen überfällt, nicht jene, die wir dem wahrhaft innerlich und geistig
grossen Mann zollen; oder sie erregen Verwunderung, sollte man sagen,
aber Bewunderung nicht.

Dabei tritt uns der Mangel des Zweckmässigen auffallend vor die Augen,
so wie bei den Gebäuden der Griechen und der reinen gothischen Bau-
kunst die grösste Zweckmässigkeit überall sichtbar ist.

Welch spashaftes Zeug sieht man daher nicht in den ernstesten Gebäu-
den, wie undienlich zum Ganzen, wie überflüssig, überladen, wie ange-
klebt, gezwungen und abentheuerlich sind nicht alle die Wunderdinge,
mit denen die Masse verschnörkelt ist.

So wahr es auch ist, dass der rein griechische Styl in jenem Mutter-
lande der Künste zu einem allgemein auf ihr Clima und Sitten anpassendes
System geregelt und lange sich in seiner Blüthe erhalten hat, so schwer
würde es werden, dem rein gothischen Styl die Wahrheit abzusprechen,
dass man eben so Kunstproducte dieser Art aufzuweisen hat, wo eben so
zweckmässig das Clima mit den veränderten Sitten und Religionsgebräuchen
in harmonische Uebereinstimmung gebracht ist; nur ist es schwieriger, ein
reines System bei den noch verschiedenen Ansichten hierüber aufzu-
stellen.

Diese Arbeit habe ich, so viel es in meinen Kräften stand, bei allen
meinen Planen unternommen, und habe, gestützt auf den einfachen Grund-
satz : «Dass der Baumeister, wie jeder andere Künstler, die Natur für
seine eigentliche Schule habe", mich bemüht, sowohl die alten als neueren
Vorbilder der Baukunst mit ihren schönen Formen in jenen Theilen
anzuwenden, wo solche dem Zweck der äussern Ansicht sowohl als der
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