Arnold, Friedrich Johann Andreas   [Hrsg.]
Projecte der höhern bürgerlichen Baukunst — Karlsruhe , Baden, 1831

Seite: 17
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innern Eintheilung der verschiedenen Gebäude, unserm Clima, unsern
Sitten und Bedürfnissen bei der bestmöglichst zu erhaltenden Dauerhaftigkeit
anzupassen sind.

Dieser arcliitectonische Versuch soll daher weder ein in Aengstlichkeit
nachgeahmtes Compendium, noch eine willkührliche Darstellung von
Producten der Baukunst seyn. Ueberall soll der Zweck des Gebäudes
entsjsrechend hervorleuchten, und nicht etwa die Copie eines griechischen
Tempels, dem Ritus des christlichen ganz zuwider, zur christlichen Kirche
angewendet werden, überhaupt sollen die nachfolgenden, immer wahren
Grundprincipien hervortreten, ohne welche ein Gebäude nie ein Kunst-
werk genannt werden kann, als :

Zwischen dem Nothwendigen und dem Verzierten herrsche immer das
Medium, welches immer schön ist.

Der Baukünstler suche dem Geiste der Alten zu folgen, aber nicht bloss
sich reicher als jene zeigen zu wollen; jedoch soll ganz ohne Zierde ein
Gebäude auch nicht seyn.

Der Zweck muss aber immer aus der Verzierung sprechen.

Ein Haus ohne Zierde, sagt Aristoteles, ist wie die Gesundheit in Dürf-
tigkeit, welche allein Niemand für glücklich hält. Aus Zierde mit Ein-
fachheit entsteht Schönheit, und durch diese kann der Charakter eines
Gebäudes ausgedrückt, ja selbst veredelt werden.

Je grösser ein Gebäude ist, desto seltener müssen Verzierungen ange-
bracht werden, so wie wenige und kraftvolle Worte mehr und auch
leichter die Erinnerung an eine vergangene grosse Tliat ins Gedächtniss
rufen, als ein grosses, weit umfassendes Vorspiel von schönen Phrasen,
so auch eine überladene verzierte Facade durch die vielen einzelnen Theile
das Gefühl des wahren Eindrucks auf das Herz nur stören kann.

Lücian vergleicht sehr schön ein Gebäude, das mit schicklichen und
massigen Verzierungen versehen ist, einer bescheidenen, mässig geschmückten
Jungfrau, welche ihrer natürlichen Schönheit Raum lässt, sich zu zeigen;
hingegen ein mit Verzierungen überladenes Gebäude vergleicht er einer
Buhlerin, welche ihre Mängel und Hässlichkeiten unter dem Schmucke
zu verbergen sucht.
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