Arnold, Friedrich Johann Andreas   [Hrsg.]
Projecte der höhern bürgerlichen Baukunst — Karlsruhe , Baden, 1831

Seite: 37
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LIEBER FINDEL! LEUSER.

Ein solcher Zufluchtsort macht zwar unserer Menschlichkeit mehr Ehre
als unsern Einsichten, denn es wäre dem Staate wichtiger, dem Elende
vorzubeugen, als es hernach in Schutz zu nehmen; allein in gegenwärtiger
Zeit erfordert es die Notwendigkeit, solche Findelhäuser, worinnen eine
verwaiste Generation oft bloss der elterlichen Armuth, sehr oft. aber
auch dem bösen Beispiel der Eltern entzogen werden muss — in die Reihe
öffentlicher Slaatsanstalten aufzunehmen.

Beides muss eine Sorge des Staat's seyn, und er so viel als möglich alles
anwenden, dass aus solchen Zöglingen nützliche Staatsbürger in solchen
Lehr- und Erziehungsanstalten erzogen werden.

Hier folgt ein kleiner Versuch über die Erbauung eines Findelhauses
für ohngefähr siebenzig Kinder.

Tab. X ist die vordere Ansicht.

Die Kirche ist in der Mitte, als dem Wohnsitz der Religion, die die
armen verlassenen Geschöpfe aufnimmt, das Gebäude in zwei Theile und
mithin die beiden Geschlechter von einander trennt, aber auch bei dem
allgemeinen Dankgebet wieder vereiniget. Der Eingang zur Kirche führt
auch zugleich in die zwei Flügel des Findelhauses.

Dieser Vorplatz soll gleichsam den Tempel der Barmherzigkeit vorstellen,
was durch die bildliche Darstellung der Barmherzigkeit, die in der Mitte
in einer Nische sitzend den Eintretenden begrüsst, und durch die Opfer-
altäre, die an beiden Seiten zur Ablegung der Findelkinder angebracht
sind, bezeichnet werden soll.

Auf dem Friess oberhalb dieser Halle stehe die Inschrift aus der hei-
ligen Schrift:

«Fater und Mutter haben mich verlassen, aber du Gott nimmst uns wieder auf.y>

Im obern Stock oberhalb dieser Vorhalle, als dem Eintritt in dieses
Institut, befindet sich der grosse Examinationssaal, wo die Kinder in
reiferen Jahren zu brauchbaren Staatsindividuen wieder entlassen werden,
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