Arnold, Friedrich  
Anatomische und physiologische Untersuchungen über das Auge des Menschen — Heidelberg , Leipzig, 1832

Seite: 28
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Wäre es nicht besser gewesen, wenn Schlemm sich nicht durch mehrere, sondern
durch viele Nachsuchungen von dem Vorhandenseyn der Hornhautnerven zu über-
zeugen gesucht hätte, ehe er diese seine Entdeckung in einem encyclopädischen Wörter-
buch ausspricht, zumal da noch kein anderer Anatom dieselbe bestätigt hat? Ich für
meinen Theil mufs nach vielfachen Untersuchungen an Thier- und Menschenaugen
die Ueberzeugung vorurtheilsfrei aussprechen, dafs die Hornhaut keine Nerven erhält,
wenigstens keine von den bezeichneten Blendungsnerven. Weder bei grösseren Thieren,
dem Ochsen, Pferd, noch beim Menschen wollte es mir aller Behutsamkeit ungeachtet
gelingen, auch nur ein feines Nervenfädchen zur Hornhaut wahrzunehmen; dagegen aber
sah ich bei diesen Nachforschungen ein, wie leicht man sich an den Augen von Wieder-
käuern in dieser Hinsicht, wenn man nicht vorsichtig arbeitet, täuschen kann, weil die
Chorioidea und besonders das lig. ciliare viel fester mit der Sclerotica verbunden ist als
beim Menschen. Schneidet man die weifse Haut des Auges durch, so bleiben gröfsten-
theils die Ciliar - Nerven an der inneren Fläche derselben sitzen, und trennt man das
Ciliar-Band von der Sclerotica, so geht es blos zum Theil los. Verfolgt man nun die
an der inneren Fläche der weifsen Haut liegenden Blendungsnerven, so kann man gar
leicht durch Präperation solche im äufseren Rand der Cornea darstellen. Ich habe diese
vermeintlichen Nerven der Hornhaut auch unter dem Mikroskop untersucht, hier aber
nicht eine Spur von Nervensubstanz auffinden können. Die abgeschnittenen Nerven, welche
Schlemm an menschlichen Augen durch eine gute Lupe gesehen hat, sind nichts
als feine Arterien- und Venenzweige, welche zerreifsen, wenn man das Ciliar-Band von
dar Sclerotica trennt. Es wird wohl gut seyn, wenn Herr Schlemm , geleitet durch
diese Bemerkungen, seine Untersuchungen über die Hornhautiierven wiederholt, und
diefs mufs ich ihm um so mehr rathen , als er keine richtige Ansicht von der \er-r
bindung des Ciliar-Bands mit der Sclerotica hat und die Lage des venösen Sinus
zwischen beiden nicht recht zu kennen scheint, für den die Furche an der Sclerotica
bestimmt ist, von der Schlemm irriger Weise glaubt, dafs sie das Ciliar-Band aufnehme.

Die Hornhaut hat auf die Leitung der Lichtstrahlen einen gewissen Einflufs, indem
durch sie diejenigen Strahlen gebrochen werden, welche unter einem kleinern Winkel
als von 48 Graden auffallen. Diese Wirkung erfolgt aber nicht bei allen Formen der
Hornhaut auf dieselbe Weise, sondern ist sehr verschieden, je nachdem die Cornea am
Rande dicker als in der Mitte ist, oder das Gegentheil hievon statt hat, oder die
Flächen einander concentrisch sind. Am schwächsten ist, wie natürlich, die Refractiqn
der Strahlen bei der letzten Form , und da die Gestalt der Hornhaut benn Menschen
dieser sehr nahe kommt, so kann auch bei ihm der Einflufs derselben, in so weit er
durch die Gestalt bedingt ist, auf die Strahlenbrechung nicht sehr hoch angeschlagen
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