Arnold, Friedrich  
Anatomische und physiologische Untersuchungen über das Auge des Menschen — Heidelberg , Leipzig, 1832

Seite: 29
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werden. Bei mehreren Thieren dagegen, wo wir die beiden erßteren Formen wahr-
nehmen , mufs der Hornhaut eine stärkere Wirkung auf die Strahlenbrechung zuerkannt
werden 47).

Es ist jedoch nicht allein die Gestalt dieser Membran, sondern auch ihre Dicke,
Dichtheit und die chemische Beschaffenheit der sie durchdringenden Flüssigkeit, welche
berücksichtigt werden müssen; wenn man die Verschiedenheit rücksichtlich der strahlen-
brechenden Kraft, die sie bei verschiedenen Menschen und Thieren besitzt, ausmitteln will.

Treviranus hat, wenn ich nicht"- irre, allzu sehr auf die Form der Hornhaut Rück-
sicht genommen, und bei seinen Berechnungen wenig oder gar nicht die Dichtheit und
Dicke derselben beachtet. Daher ist er auch zu Resultaten gelangt, die der gewöhnlichen
Meinung und der Erfahrung ganz widerstreben. Wenn meine Ansicht richtig ist; so
hat Treviranus darin einen Fehler begangen, dafs er bei seiner Untersuchung über das
Sehen in der Ferne und Nähe bei verschiedenen Thieren, nicht von der Erfahrung
ausging, sondern von einem gewissen Satz, nach dem er alsdann das Vermögen der
Thiere, in der Nähe und Ferne zu sehen, bestimmte. Es heifst nämlich: „Die Ferne
des Sehens überhaupt hängt bei den Landthieren von der absoluten Gröfse des Halb-
messers der auswendigen Fläche der Cornea ab. Je gröfser dieser ist, desto mehr
Strahlen von fernen Gegenständen können durch die Hornhaut zum Innern des Auges
gelangen, und desto leichter können solche Gegenstände als sichtbare empfunden werden."
Der mitgetheilten Tabelle zufolge, in welcher mehrere Thiere nach diesem Mafse. des
Fernsehens geordnet sind, steht das Pferd, der Ochs und Elephant oben an, dann
folgt die grofse Ohreule, der Straufs und der Goldadler. Der Mensch wird hiernach'
in der Weite des Gesichts überhaupt von der Gemse, dem Luchs und mehreren anderen
Thieren übertroffen; unter ihm stehen mehrere Falkenarten und andere Vögel, denen
man gewöhnlich nicht allein ein scharfes, sondern auch ein fernsehendes Auge zuschreibt.
Im Allgemeinen, aber wären nach dieser Tabelle die gröfseren Thiere die weitersehenden.

So wenig man an der Richtigkeit der Messungen von Treviranus über die Gröfse
des Halbmessers der auswendigen Fläche der Cornea bei den aufgeführten Thieren
zweifeln darf, so glaube ich doch die daraus gezogene Folgerung mit Grund bestreiten
zu dürfen,

Treviranus hat, wie schon oben bemerkt, unterlassen, die Dicke der Hornhaut
und die Beschaffenheit der sie durchdringenden Flüssigkeit in Anschlag zu bringen. So
viel ist nun aber gewifs, dafs die Cornea beim Ochsen und Pferd wenigstens noch ein Mal
so dick ist, als bei den Vögeln, beim Hund, der Katze und dem Menschen, und dafs

47) Treviranus in seinen Beitrügen S. lij.

48) A. B. O. S. 46.
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