Arnold, Friedrich  
Anatomische und physiologische Untersuchungen über das Auge des Menschen — Heidelberg , Leipzig, 1832

Seite: 30
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sie dort mir immer weniger diaphan erschien, als hier, wahrscheinlich weil die in ihr
befindliche Flüssigkeit reicher an Eiweifsstoff ist, als bei andern Thieren, bei denen
gerade das vegetative Leben nicht so vorherrscht als bei jenen.

Da aber, wie durch Versuche ausgemittelt wurde, die Wirkung der Theile des
Auges auf das Licht nicht blos von ihrer Form, sondern auch von ihrer Dicke, Dicht-
heit und chemischen Beschaffenheit abhängt, so müssen auch diese bei den Untersuchungen
über das Vermögen der Thiere in der Ferne zu sehen in Anschlag gebracht werden.
Vor allen Dingen aber müssen wir bei solchen Nachforschungen auf die Erfahrung, so
wie auf die Lebensweise der Thiere Rücksicht nehmen, da das Auge kein rein dioptrisches
Werkzeug ist, in dem wir alle Verhältnisse nach mathematischen Formeln bestimmen
können, sondern hierbei die Lebensthätigkeit eine sehr grofse Rolle spielt, und diese
sich nicht durch geometrische Constructionen abmessen und schätzen läfst. So wenig
wir aus dem Umfang und der Dicke der Muskeln , ihrer äufsern Form überhaupt, auf
die Kraft derselben schliefsen dürfen, da Gebrauch und Uebung, besonders in der oder
jener Weise, nicht immer die Form und Kraft derselben in dem nämlichen Verhältnifs
ändern, eben so wenig können wir aus den äufseren Gestaltungsverhältnissen der Theile
des Auges allgemein gültige Resultate ziehen, weil die Lebensthätigkeit sich nicht immer
in mefsbaren Formverhältnissen ausspricht.

Die Erfahrung zeigt es, und Trevikaniis 49) hat selbst mehrere intressante Beispiele
hierüber angeführt, dafs viele Vögel in einer gröfseren Entfernung als die meisten
Säugethiere und der Mensch ein schärferes Gesicht haben, indem sie in einer bedeuten-
den Entfernung Gegenstände bemerken , die ein menschliches, noch so geübtes Auge
ohne Vergröfserungsglas nicht entdecken kann. — Auf der anderen Seite hat uns
die Erfahrung noch keine Beweise für einen so hohen Grad von Weitsichtigkeit des
Pferdes und Ochsen an die Hand gegeben; im Gegentheil spricht die Lebensweise,
besonders bei letzterem Thiere weit mehr gegen als für eine solche Annahme. Wenn
auch mit diesen verwandte Thiere vielleicht als weitsehend gekannt sind, so dürfen
wir doch nicht bei jenen auf dasselbe Vermögen schliefsen , da hierin die Lebensweise
wohl nicht selten einen grofsen Unterschied bedingt.

TnEvinANus selbst scheint sehr wohl eingesehen zu haben, dafs er durch seine
Ansicht nicht wenig mit der alltäglichen Erfahrung in Collision kommt; daher er, wie
mir scheint, durch folgenden Satz diesen Punkt etwas auszugleichen suchte: „Wie aber
das Gesicht eines Thiers auch eingerichtet seyn mag, ob für die Nähe oder Ferne; so
läfst sich doch voraussetzen, dafs die Weite des deutlichen Sehens bei keinem Thiere

49) A. a. O. S. 48.
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