Arnold, Friedrich  
Anatomische und physiologische Untersuchungen über das Auge des Menschen — Heidelberg , Leipzig, 1832

Seite: 31
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auf einen einzigen Punkt beschränkt ist. Für das schärfste Sehen mag es nur eine
einzige bestimmte Entfernung geben. Der Deutlichkeit werden nicht so enge Grenzen
gesetzt seyn dürfen, wenn das Gesicht einen erheblichen Werth haben soll. Für den
Menschen ist vorzüglich dieser Sinn so wichtig, weil bei ihm die Sehkraft in mittlerem
Grade mit ziemlich gleicher Stärke auf sehr verschiedene Entfernungen wirkt. Ein
strahlender Punkt macht auf sein Auge keinen merklich verschiedenen Eindruck, wenn
sich auch die Entfernung desselben innerhalb gewisser Grenzen verändert."

Allerdings ist die Deutlichkeit des Gesichts verschieden von der Schärfe desselben.
Jene beruht, wie Treviranus sehr richtig bemerkt, auf der Bestimmtheit der Umrisse,
diese auf der Unterscheidbarkeit der kleinern und kleinsten Theile des sichtbaren Gegen-
stands. Allein Schärfe kann ohne Deutlichkeit nicht bestehen, beide sind durch die-
selben allgemeinen Verhältnisse des Sehorgans und des sichtbaren Gegenstands bedingt
und gehen in einander über; nur wird zum scharfen Sehen erfordert, dafs von jedem
Punkt des Objekts möglichst viele Strahlen auf der Netzhaut sich vereinigen. Dieses
ist aber, wenn gleich das scharfe Sehen engere Grenzen hat als die Deutlichkeit des
Gesichts, doch bei verschiedenen Entfernungen möglich. Wenigstens habe ich mich
durch vielfache Versuche überzeugt, dafs der Mensch das Vermögen hat, einen Gegen-
stand in verschiedener Entfernung scharf zu sehen. Diefs scheint auch Treviranus an-
zuerkennen, indem er sagt: „Beim Menschen wirkt die Sehkraft in mittlerem Grade mit
ziemlich gleicher Stärke auf sehr verschiedene Entfernungen." Uebrigens können wir, auch
abgesehen davon, dafs die Berechnungen über das Fernsehen bei verschiedenen Thieren
nur auf einige wenige und nicht alle dabei zu beachtende Momente sich stützen, schon
aus dem, was Treviranus uns über das verschiedene Verhältnifs der Linse, und be-
sonders ihre Entfernung von der Retina bei den genannten Thieren gibt, ersehen, dafs
die Folgerungen nicht vollkommen richtig sind, die aus den mitgetheilten Untersuchungen
gezogen wurden; denn es hat die Beschaffenheit der Linse und ihr gröfserer oder geringerer
Abstand von der Netzhaut in der Augenachse nicht blos auf die Weite des deutlichen
Sehens; sondern auch auf die Nähe und Ferne des Gesichts, grofsen Einflufs. Es steht
nun zwar die Gröfse des Halbmessers der vordem -und hintern Fläche der Linse im All-
gemeinen in geradem Verhältnifs mit der Gröfse der Halbmesser der Hornhaut; allein es
ist der Abstand der Linse von der Retina am gröfsten bei denjenigen Thieren, welche
Treviranus für fernsehend erklärt, nämlich beim Straufs, Pferd, Goldadler, der Ohr-
eule, dem Ochsen und Elephanten, kleiner aber bei der Gemse, dem Luchs, einigen Falken-
arten und vielen Vögeln. Beim Auge des Menschen findet man rücksichtlich dieser
Verhältnisse eine bedeutende Ausnahme. Da nun aufserdem bei den meisten Säugethieren
die brechenden Kräfte des innern Auges stärker als bei den meisten ^Vögeln sind, be-
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