Arnold, Friedrich  
Anatomische und physiologische Untersuchungen über das Auge des Menschen — Heidelberg , Leipzig, 1832

Seite: 38
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beträchtliche Veränderungen erfahren, erhalten sie eine durch eine seröse Membran
gebildete Bekleidung, wodurch diese in verschiedenem Grade begünstigt werden.
So haben die Organe des Unterleibs, besonders Leber, Magen, Milz und Darm,
ferner Herz und Lungen und endlich das Gehirn und Rückenmark seröse Hüllen, welche
um so vollständiger und eigenthümlicher gebildet sich zeigen, je mannigfaltiger und
bedeutender die Veränderungen sind, welche sie in ihrer Lage erleiden. — Wenn nun
zwischen den Theilen des Augapfels eine ähnliche Membran sich vorfindet, wie an jenen
Orgauen, namentlich aber an dem Gehirn, so sind wir offenbar zur Vermuthung, ja
ich möchte sagen, zu dem sehr wahrscheinlichen Schlüsse berechtigt, dafs auch am
Auge rücksichtlich der Lageverhältnisse der einzelnen Theile zu einander Veränderungen
statt haben. Diese Ansicht hat noch um so mehr für sich, als die geringe Dicke der
Sclerotica gerade da, wo der Querdurchmesser am beträchtlichsten ist, solche Veränderungen
begünstigt.

Es ist bekannt, dafs die Frage, ob es ein Einrichtungsvermögen des Auges nach
den verschiedenen Entfernungen der Gegenstände gibt, ob im Auge beim Nah- und
Fernsehen Veränderungen vor sich gehen, verschieden beantwortet wurde, dafs die
Einen solche durchaus verwerfen, Andere aber als nothwendig statuiren, dafs Viele
das Mittel in dem einen, Viele in einem andern Theile suchen. Treviranus hat in dem
6ten Band seiner Biologie 12) und in seinen Beiträgen zur Lehre von den Sinnen n3) die
verschiedenen über diesen Gegenstand aufgestellten Meinungen geprüft und mehr oder
4 weniger mit haltbaren Gründen widerlegt. Wir haben daher nicht nöthig, in eine Aus-
einandersetzung und Prüfung aller jener Ansichten einzugehen, sondern wir wollen hier
nur die Frage: sind innere Veränderungen des Auges beim Sehen in der Nähe und in
der Ferne nothwendig ? noch einmal erwägen und dann, wenn wir sie bejahend oder
wenigstens als wahrscheinlich beantworten müssen, nachweisen, in wie weit solche Ver-
änderungen durch die Muskeln des Augapfels hervorgebracht werden können.

Die meisten neuern Physiologen haben für die Beantwortung jener Frage mit Ja
sich entschieden. Unter den Wenigen, welche dagegen sprechen, hat besonders Tre-
viranus 14), auf viele Beweise sich stützend, die Behauptung wiederholt ausgesprochen,
dafs sich, wenigstens beim Menschen, keine innere Veränderungen des Auges, die aus-
genommen, welche die Pupille erleidet, als nothwendig beweisen lassen und dafs die
Voraussetzung derselben unnöthig sey.

Wenn wir solche Veränderungen beim Sehen in der Nähe und in die Ferne nicht

12) S. 496 u. ff. H. 1.

13) S. 50 ff.

14) Biologie VI. S. 510 ff.
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