Arnold, Friedrich  
Anatomische und physiologische Untersuchungen über das Auge des Menschen — Heidelberg , Leipzig, 1832

Seite: 39
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statuiren , so kann ich mir mehrere Thatsachen und Erscheinungen nicht erklären , die
meiner Ansicht nach blos in dieser Annahme ihre Erklärung finden.

1) Betrachtet man mit einem Auge genau einen entfernten Punkt und bringt
nun einen Faden oder eine Borste in die Sehachse, so erscheint letzterer Gegenstand
undeutlich, blicht man aber auf diesen, so verwischen sich die Umrisse des entfernten
Objects. Der Gegenstand, den man zwischen dieses und das Auge in die Sehachse bringt,
darf nicht so breit oder so grofs seyn, dafs er das entfernte Object zum grofsen Theil
bedeckt, sondern man mufs eine feine Borste oder einen Faden dazu wählen und ihn genau
in die Augenachse bringen, wenn der Versuch beweisend seyn soll; denn sonst ist die
Einwendung, welche Treviranus hiergegen gemacht hat, gültig. Der zweite Grund,
welchen dieser Physiolog gegen obigen Satz anführt, dafs wir nämlich das Vermögen
besitzen, die Empfänglichkeit der Retina für den Eindruck von Strahlen, die von einem
gewissen Punkt kommen, willkührlich zu erhöhen, wobei sie für die Einwirkung anderer
Strahlen unempfänglicher werde, kann nicht angenommen werden, da von Trevirakus
nicht nachgewiesen wurde, worin dieses Vermögen seinen Sitz hat, und wie es möglich
sey, dafs wir nach Willkühr die Empfänglichkeit der Retina für einen fernen oder nahen
Punkt erhöhen können. Eben so wenig öder selbst noch weniger können wir den dritten
Gegenbeweis als richtig gelten lassen, da die Erweiterung und Verengerung der Pupille
beim Betrachten ferner und naher Gegenstände, wie Olbers richtig angibt, nicht so
bedeutend und einflufsreich ist, dafs wir hierin besonders das Mittel suchen dürften, wo-
durch die Deutlichkeit des Sehens in verschiedenen Entfernungen erreicht wird; denn
es ist, um nur ein Moment bemerklich zu machen, bei Fernsichtigen die Pupille im
Durchschnitt eng, bei Nahsichtigen aber weit, wovon doch gerade das Gegentheil statt
haben müfste, wenn der Iris eine so wichtige Function beim Nah - und Fernsehen zukäme.
Damit wollen wir aber dem verschiedenen Zustand der Pupille nicht den Einflufs ab-
sprechen, welchen sie im gewissen Grade allerdings auf das Sehen in die Ferne und
Nähe hat.

2) Wenn wir einen Gegenstand in einer bestimmten Entfernung anhaltend und
scharf ins Auge fassen, so erscheinen Objecte in einer andern Entfernung anfangs
undeutlich, und es wird eine Erholung und Accomodation des Auges erfordert, um
dieselben deutlich sehen zu können. Diese Thatsache will Trevirakus dadurch erklären,
dafs mit angestrengtem Nahesehen immer eine starke Congestion der Säfte zum Auge,
besonders zur Iris, verbunden sey, wodurch die zum deutlichen Sehen nöthige Ver-
änderung der Pupille erschwert werde, und dafs nach jeder erhöhten Thätigkeit eines
Theils, der dein sensitiven Leben dient, erst ein Zustand der Abspannung und Erholung
eintreten müsse, bevor dieser Theil wieder zu einem andern fähig sey. — Gesetzt, diese
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