Arnold, Friedrich  
Anatomische und physiologische Untersuchungen über das Auge des Menschen — Heidelberg , Leipzig, 1832

Seite: 40
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Erklärung habe ihre volle Richtigkeit, obgleich sich dagegen immer mit Grund etwas
bemerken läfst; so kann sie doch nur auf den Fall angewendet werden, wo wir zuerst einen
nahen und dann einen entfernten Gegenstand genau betrachten, nicht aber im entgegen-
gesetzten Fall gelten, denn beim Betrachten ferner Gegenstände ruht das Auge aus, erfährt
keine Anstrengung und es findet daher auch zu ihm kein vermehrter Andrang der Säfte
statt, dennoch aber ist eine Accoinodation des Auges nöthig, um uns nahe Objecte deut-
lich darzustellen.

3) Ein gesundes und vollkommen gut gebautes Auge sieht in der Entfernung wie
der Presbyops, und in der Nähe, wie der Myops die Gegenstünde Mar und deutlich.

4) Beim Nachdenken erscheinen, wie Olbbus angibt, nahe Gegenstände un-
deutlich, i

5) Lähmung der geraden Augenmuskeln bedingt Fernsichtigkeit, ihr Krampf
aber Kurzsichtigkeit 15).

Aufser diesen Punkten liefsen sich noch mehrere andere Versuche und Erscheinungen
aufzählen, die gleichfalls für die ausgesprochene Ansicht geltend gemacht werden könnten.
Die bemerkten Umstände scheinen mir aber hinreichend zu seyn, um zu beweisen, dafs
der Mensch die Fähigkeit besitzt, Veränderungen im Auge beim Nah- und Fernsehen
hervorzubringen. Dieses Vermögen hat meiner Ansicht zufolge besonders seinen Sitz in
den geraden Augenmuskeln. Hierfür spricht nicht allein die unter 5) angeführte Er-
scheinung, sondern auch der Umstand, dafs erstens die Sclerotica beim Menschen , da
wo der Querdurchmesser des Auges am gröfsten ist, dünner sich zeigt als an anderen
Stellen und leichter Veränderungen zuläfst, so wie zweitens, dafs zwischen der weifsen
und Gefäfshaut ein seröser Sack sich findet, wodurch Veränderungen begünstigt weiden
können, welche durch die Einwirkungen der geraden Augenmuskeln bewirkt wurden.
Unter denen, welche diese Ansicht vertheidigten, hat besonders Olbeus genügend und
gründlich auseinandergesetzt, wie durch die geraden Augenmuskeln die Gestalt des
Augapfels und die Lage einiger Theile, besonders der Linse, verändert wird, dafs da-
durch das Sehen in verschiedener Entfernung möglich ist. Seiner Meinung nach wird
durch den Druck, den diese Zusammenziehung auf den Umfang des Augapfels hervor-
bringt , der Glaskörper nach hirtten und nach vorn gedrängt, die Linse gegen die
wässerige Flüssigkeit und diese gegen die Hornhaut geprefst und auf solche Weise sowohl
der Abstand der Linse von der Netzhaut, als gleichzeitig die Krümmung der Hornhaut
vergröfsert: Berechnungen über die Entfernung des Vereinigungspunkts der Lichtstrahlen

15) Ev. Home in Reil's Arohiv B. 3. H. 1. S. 3 ff. und in Meckel's Archiv IV, 125. Rosas Augenheilkunde.
Bund I. S. 236.
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