Arnold, Friedrich  
Anatomische und physiologische Untersuchungen über das Auge des Menschen — Heidelberg , Leipzig, 1832

Seite: 93
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Untersuchungen mitgetheilt hat. Er stellte seine Beobachtungen zuerst am Kaninchen-
auge an, wo, wie bekannt, der faserige Bau schon mit blosen Augen wahrgenommen
wird. Die zahlreichen äufserst feinen Fasern, welche sich von der Eintrittsstelle des Seh-
nerven aus in zwei Bündeln strahlenartig verbreiten, zeigen sich sehr deutlich an der
inneren Fläche der Netzhaut und im Grunde des Augapfels. Sie sind nach Fontana
Fortsetzungen der Fäden des Sehnerven, nehmen, indem sie sich verzweigen und von
ihrem Ursprung entfernen, an Gröfse ab und verlieren sich nach vorn, indem sie
äufserst fein und kaum sichtbar werden. In dem Auge des Schweins haben Valsalva,
Morgagni, Haller einen faserigen Bau erkannt, und von Treviranus wurde derselbe
beim Narhwal, wo die Fasern ohne Kreuzung und ohne sonstige Aenderung ihres
Verlaufs aus dem Sehnerven hervorzugehen scheinen, beobachtet. In den Augen anderer
Thiere nimmt man keine solche Structur mit blosem Auge wahr. Im menschlichen
Auge nahmen Mehrere den faserigen Bau auch an, allein vorzüglich nur, weil sich
derselbe in der Markhaut des Hasen und Schweins so deutlich ausgesprochen rindet.

Um über diesen Punkt mir Aufhellung zu verschaffen, wurde die Netzhaut aus
dem Auge des Menschen auf sehr verschiedene Weise untersucht. Ich betrachtete
dieselbe genau mit unbewaffnetem Auge, mit einer schwachen und starken Lupe, unter
dem zusammengesetzten Mikroskop bei geringer und beträchtlicher Vergröfserung, sowohl
aus frischen Augen, als auch aus solchen, die einige Zeit in Weingeist, Säuren und Subli-
mat-Auflösung lagen. Niemals sah ich bei aller Aufmerksamkeit, die ich hierauf wandte,
Fasern in der Netzhaut, wie sie von gewissen Anatomen angenommen werden und sich
in dem Auge der genannten Thiere finden. Die Retina bestellt aus zahlreichen Kügel-
chen, die dicht neben- und übereinander liegen, ohne sich zu Fasern an einander zu
reihen. Weder in der Nähe der Eintrittsstelle des Sehnerven, noch in der Mitte, noch
am Ciliar-Theil der Markhaut konnte ich eine gewisse Regelmäfsigkeit in der Anordnung
der Nervenkügelchen erkennen, sondern an allen Punkten der Netzhaut lagen die
Kügelchen ungeregelt auf- und nebeneinander, ganz so, wie man es in der dritten
Figur der zweiten Tafel dargestellt findet. Die kleinen Kügelchen scheinen durch ein
sehr zartes, vollkommen durchsichtiges Zellgewebe unterstützt und mit einander ver-
bunden zu werden. Das Zellgewebe wird von Zweigen der arteria centralis retinae
durchzogen, welche in demselben höchst feine Netze bilden, und von denen die
Ernährung der Markhaut abhängig ist. Der alte Walter 20) behauptet zwar gestützt
auf glückliche Einspritzungen der Gefäfse des Auges, dafs die Centralarterie der
Netzhaut nicht die mindesten Zweige zu der inneren Fläche derselben abgebe • allein

29) De venia otroli. P- 13. u. 14.
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