Arnold, Friedrich  
Anatomische und physiologische Untersuchungen über das Auge des Menschen — Heidelberg , Leipzig, 1832

Seite: 94
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hiergegen mufs ich erstens die Beobachtungen so vieler Anatomen und eigene Erfah-
rungen anführen, welche mir über die Existenz der Schlagadern in der Nervenhaut
keine Zweifel lassen, so wie zweitens darauf aufmerksam machen, dafs das Leben der
Retina und die Existenz von Venen, welche Walter in dieser Haut so zahlreich fand,
nicht möglich ist, ohne das Vorhandenseyn von Arterien.

Die Bildung der Markhaut, die Ablagerung der Nervenkügelchen ist gebunden an
die Thätigkeit des Gefäfssystems im Innern des Auges. Die arteria centralis retinae
gehört der Linse, dem Glaskörper und der Netzhaut zu; von ihr hängt das Leben
dieser Gebilde und deren Durchsichtigkeit ab. Die Zweige der Centralarterie sind
daher sehr fein und nicht im Stande, viel Blut aufzunehmen, sondern nur für ein-
zelne Blutkügelchen gangbar; denn sonst würde die Durchsichtigkeit der genannten
Organe leiden. Aber auch im entgegengesetzten Falle wird diese beeinträchtigt.
Diefs sehen wir nicht selten bei alten Leuten, wo bald die Linse, bald auch die
Betina von ihrer Durchsichtigkeit mehr oder weniger verlieren. Betrifft diese Ver-
änderung die Nervenhaut allein, so stellt sie sich uns als eine gräulich - weifsliche,
neblichte Trübung im Grund des Auges dar; denn die Retina ist im normalen Zustand
beim Lebenden eine vollkommen durchsichtige Membran, und erst im Tode zeigt sie
sich uns als eine weifse durchscheinende Haut. Diefs lehren die Beobachtungen von
Mery 30), so wie die Untersuchungen der Augen von eben getödteten Thieren. Die
Nervenhaut besitzt eine solche Durchsichtigkeit, dafs man sie in ganz frischen Augen
gar nicht sieht, sondern erst bemerkt, wenn der Eiweifsstoff in Folge des gewichenen
Lebens gerinnt.

Aufser von der Central - Schlagader erhält die Nervenhaut keine Gefäfse. Es ist
daher einleuchtend, dafs ihre Entstehung sowohl, als auch ihre fernere Metamorphose
bedingt ist durch die Entwickelung und Ausbildung dieser Arterie, und dafs die Retina
in gewissem Grade unabhängig von dem Gehirn und dem Sehnerven ihr Leben führt.
Letzterer bekommt sein Neurilem in einer Fortsetzung der weichen Hirnhaut, welche
ihn bis zu seinem Eintritt in den Augapfel bekleidet und von dem vorderen Theil des
Chiasma an zahlreiche Fortsätze nach innen schickt, die die einzelnen. Bündel des
Sehnerven mit kleineren kanalartigen Hüllen umgeben. Diese neurilematischen Kanäle
sind so angeordnet, dafs sie im Umfang des Sehnerven weiter verlaufen als in der
Achse und daher sowohl gegen das Hirn zu, als auch im Auge eine konische Ver-
tiefung bilden. So wie an dem Chiasma die Kanäle plötzlich ihren Anfang nehmen,
so hören sie auch da, wo der Sehnerve in die Markhaut übergeht, wie abgeschnitten auf.
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