Arnold, Friedrich  
Anatomische und physiologische Untersuchungen über das Auge des Menschen — Heidelberg , Leipzig, 1832

Seite: 95
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Die Markmasse des Sehnerven tritt hier aus den zahlreichen Kanälchen hervor und
breitet sich als eine dünne zarte Nervenhaut auf die oben angegebene Weise aus. Das
Neurilem, welches den Umfang des Sehnerven bekleidet, steht durch Gefäfse mit der
Chorioidea in Zusammenhang; die neurilematischen Kanäle im Innern aber gehen nicht
in die Gefäfsschichte der Retina über, sondern sie gehen alle mit sehr kleinen Mün-
dungen im Grunde des Auges aus und erzeugen da die sogenannte lamina cribrosa.
Daher kann man, wenn der Augapfel mit Quecksilber gefüllt ist, durch Druck leicht
die einzelnen Kanäle des Sehnerven injiciren, und auf entgegengesetzte Weise von dem-
selben Nerven aus Quecksilber ins Auge bringen 31).

Im Innern des Sehnerven findet sich ein enger cylindrischer Kanal zur Aufnahme
der vena und arteria centralis. Letztere tritt aus dem kegelförmigen Ende des Sehnerven
hervor, theilt sich gewöhnlich in drei Stämmchen, verzweigt sich als ein höchst feines
Netz und vertritt für die Markmasse der Retina die Stelle eines Neurilems. Die
Nervenhaut besitzt also ihr besonderes Gefäfssystem und führt ein in gewissem Grade
selbstständiges und unabhängiges Leben. Defswegen sind wir aber nicht zur Behauptung
berechtigt, dafs die Retina keine Fortsetzung des Sehnerven sey. Ribes 32), H. Cloodet 33),
Rossi34) haben die Ansicht vertheidigt, die Markhaut des Auges dürfe keineswegs als
eine Ausbreitung des zweiten Hirnnerven betrachtet werden, sondern es verbreite sich
dieser in jener Membran, wie der Geruchs- und Gehörnerve in der membrana pitui-
taria und im Labyrinthe. —■ Die Netzhaut entspringt in der Ar* aus dem Sehnerven,
oder richtiger beide Gebilde gehen so in einander über, dafs die Marksubstanz dieses
Nerven sich unmittelbar in die Retina fortsetzt und beide mit einander ein zusammen-
hängendes Ganzes erzeugen, die neurilematischen Kanäle des Sehnerven aber da auf-
hören, wo die Markhaut beginnt, und ihre Stelle im Auge durch die Ausbreitung der
Centrai-Schlagader vertreten wird.

31) Beil de struetura nervorum. p. 5.

32) Meckei.'s Archiv. B. IV. S. (S22.

33) Encyclopädie der medicinischen Wissenschaften. B. II. S. 106.

34) Bulletin de sc. meU Oct. 1829. Mai 1830.
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