Arnold, Friedrich  
Anatomische und physiologische Untersuchungen über das Auge des Menschen — Heidelberg , Leipzig, 1832

Seite: 109
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Sechstes Kapitel.

IX. Krystallkörper, corpus crystallinum.

Mit Grund kann man behaupten, dafs unter den Gebilden des Augapfels die Linse
in ihrem Bau am allerwenigsten gekannt ist. Es ist durch Untersuchungen noch nicht
ausgemittelt, ob sie zu den einfachen Geweben gerechnet werden mufs oder nicht, ob
sie gefäfslos ist oder irgend ein Gefäfssystem Antheil an ihrer Bildung hat, aufweiche
Art sie sich ernährt oder wie sie in ihren Form- und Mischungsverhältnissen erhalten
wird.

Sie ist, wie schon seit den frühesten Zeiten bekannt, von einer besonderen Kapsel
(capsula lentis) umschlossen, welche in der tellerförmigen Grube des Glaskörpers mit
ihrem hinteren Abschnitt liegt, an ihrem gröfsten Umfang von dem ZiNis'schen Gürtel,
dem Ciliar-Theil der Retina und dem Strahlenkörper umgeben wird und mit der
vorderen Fläche in die hintere Augenkammer hineinragt. Diese Kapsel stellt einen überall
geschlossenen, häutigen, durchsichtigen Sack dar, welcher an der inneren Fläche die
Absonderung einer dünnen, wässerigen Flüssigkeit vermittelt. Sie kommt in dieser
Hinsicht ganz mit den serösen Häuten überein, zu welchen sie auch von mehreren
Anatomen gezählt wurde. Als ein solcher überall geschlossener seröser Sack kann sie
nicht, wie diefs von älteren Anatomen, Winslow, Maitrejean gelehrt wurde, als
eine Fortsetzung der Glashaut betrachtet werden, sondern mufs, wie es Janin, Scarpa
und Andere ausgesprochen haben, als eine eigenthümliche von der membrana hyaloidea
verschiedene Haut angesehen werden. Aus demselben Grund darf man auch der Mei-
nung von Jakin *), welche von einigen späteren Zergliederern vertheidigt wurde nicht
beipflichten, dafs nämlich die Kapsel keine ununterbrochene Haut sey, sondern aus
einem hinteren gröfseren und vorderen kleineren zusammengesetzt wäre. Die Beweise
welche hierfür aufgestellt worden sind 2), namentlich die gröfsere Dichtheit und Stärke

1) Mdmoires et ohservations , p. 17 et 137.

2) Rosas, Handlmck der Augenheilkunde, li. 1. S. 229.
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