Arnold, Friedrich  
Anatomische und physiologische Untersuchungen über das Auge des Menschen — Heidelberg , Leipzig, 1832

Seite: 111
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Um mich von dem Verhalten dieser Gefäfse näher zu unterrichten, und zu sehen
in wie weit Walters4) Behauptung, dafs die Linsenkapsel nur solche Zweige aus der
Centralarterie erhalte, welche sich vom ganzen Umfang der Glasliaut nach der hinteren
Convexität der Kapsel zurückschlagen, begründet sey, zerstörte ich au meinen Präparaten
nach und nach den Glaskörper und verfolgte sorgfältig die sternförmige Ausbreitung
der arteria centralis retinae, konnte aber dabei kein Zweiglein aus dem Glaskörper zur
Linsenkapsel erkennen, sondern sah die Anordnung der Gefäfse so, wie Albin Zinn
Sömmeiuung sie darstellten und beschrieben. — Dagegen bemerkte ich zu meinem
gröfsten Erstaunen, dafs die Gefäfse, welche ziemlich glücklich gefüllt waren, sich
leicht von der eigentlichen Linsenkapsel trennen liefsen und diese keine Spur mehr von
Blutgefäfsen zeigte, so fein auch die Gefäfse ausgespritzt waren. Ich traute meinen
Augen so wenig, dafs ich anfangs das mit den Gefäfsen sich lösende Häutchen für die
Linsenkapsel selbst hielt, von welchem Irrthum mich eine nähere Prüfung der Linse
bald zurückbrachte. Schon früher als ich die Linse mit ihrer Kapsel bei einem Fötus
von einigen Monaten untersuchte, und die Blutgefäfse, noch mit Blut gefüllt, unter
dem Mikroskop ganz herrlich wahrnahm, war ich sehr verwundert, nach einer kleinen
Präparation, die ich an der Kapsel vornahm, bei wiederholter Betrachtung keine Blut-
gefäfse mehr wahrzunehmen. Diese Erscheinung klärte sich mir bei den späteren
Nachforschungen an injicirten Linsenkapseln völlig auf und ich gelangte durch die
Untersuchung aller meiner Präparate, welche ich gern opferte, da mir eine wichtige
Thatsache lieber ist als viele und schöne Präparate über einen gewissen Gegenstand,
zur Ueberzeugung, dafs die Linsenkapsel aus zwei Häuten besteht, von denen die
äufsere eine aus Zellgewebe gebildete und von zahlreichen Gefäfsen durchzogene Mem-
bran ist, die innere aber als seröse Haut keine Blutgefäfse besitzt. Die Centrala.rterie
des Auges breitet sich als ein feines Netz in einem zarten Zellgewebe aus, Avelches die
hintere Fläche der Linsenkapsel und den Glaskörper verbindet, und das sich bis zur
Insertion des Strahlenblättchens erstreckt. Die vordere Fläche aber erhält ihre Gefäfse
von dem gröfsten Umfang des Glaskörpers und aus den Strahlenfortsätzen. Die
Gefäfse an der hinteren Kapselfläche lassen sich beim Fötus in den verschiedenen
Perioden leicht füllen. Ihre Anordnung ist daher auch von mehreren Anatomen richtig
beschrieben und abgebildet worden. Die Arterien und Venen in dem vorderen Abschnitt
der Kapsel dagegen sind viel schwieriger anzufüllen und über sie hat man defswegen
auch weniger der Natur getreue Darstellungen. An den Augen vom Fötus aus dem dritten
und vierten Monat, die ich ganz frisch zu untersuchen Gelegenheit hatte, sah ich mehrmal
das Verhalten der Gefäfse, die noch mit Blut gefüllt waren, sehr schön und besonders klar.
4) De venis oculi. \t. 15 u. IC.
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