Arnold, Friedrich  
Anatomische und physiologische Untersuchungen über das Auge des Menschen — Heidelberg , Leipzig, 1832

Seite: 117
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Diese Idee von Leeuwenhoek , dafs die Krystalllinse ein Muskel sey und durch eine
ihr eigene Muskelkraft in ihrer Gestalt verändert werde, haben Cartesius und Pemberton
später Hunter und Th. Young vertheidigt. Letzterer 13) hat, gestützt auf mikroskopische
Untersuchungen der Linse vom Ochsen, die Ansicht mit grofser Zuverläfsigkeit aus-
gesprochen, dafs der Krystallkörper aus zahlreichen Muskeln, die sich vorn und hinten
an Sehnen in der Mitte der Linse inseriren und zu denen Gefäfse und Zweige von den
Blendungsnerven aus dem Strahlenkörper treten, bestehe. Ohne Zweifel ist er zu dieser
merkwürdigen Behauptung besonders durch die Annahme bestimmt worden, dafs die
Linse sich in ihrer Form beim Sehen in verschiedener Entfernung verändere und dafs
diefs der Ciliar-Knoten durch seine Nerven bewirke. Aus der Beschreibung und Ab-
bildung der Anordnung der Fasern geht deutlich hervor, dafs Young ebenso wie
Leeuwenhoek den Verlauf der Fasern in der Linse, wie man sie mit einer schwachen
Lupe erkennt, zum Theil richtig, obgleich nicht so gut, wie jener beobachtet hat,
dafs er sich aber in sofern sehr irrte, als er die drei Risse, welche die Linse, wenn
sie auch noch so frisch ist, leicht bekommt, für Sehnen hielt.

Reil 14) zog aus seinen Beobachtungen über die Krystalllinse, welche von ihm mit
kochendem Wasser, Essig, Weingeist, verdünnter Schwefelsäure und Salpetersäure be-
handelt wurde, dasselbe Result, wie Leeuwenhoek, dafs nämlich die Linse aus mehreren
Blättern besteht, die wie die Schuppen einer Zwiebel auf einander liegen, und zweitens
dafs diese Blätter aus sehr zarten Fasern zusammengesetzt sind, die sämmtlich nach
einer Regel in der Breite parallel so neben einander liegen, dafs das Blatt, welches sie
bilden, die Dicke einer Faser hat. Die Blätter der Linse sind nach Reil keine zu-
sammenhängende Hüllen, sondern sie sind sowohl in der Gegend der Pole als an den
Seiten der Linse unterbrochen und durch mehrere Scheidungen von einander getrennt.
Die Fasern laufen nicht von einem Pol zum anderen fort, sie sind nach einer schönen
mathematischen Regel an der Linse so geordnet, dafs sie allenthalben eine gleichmäfsige
Dicke derselben bewirken. Durch Young's Meinung über den Zweck dieser Fasern auf-
merksam gemacht, war auch Reil sehr zur Ansicht geneigt, dafs die Fasern zur Be-
wegung dienen und der krystallhelle gallertartige Körper im Auge ein Muskel sey.

Mascagm 15) hat bei starker Vergröfserung die Linse vom Menschen und von
Thieren vielfach untersucht und darüber mehrere Abbildungen gegeben, die im Ganzen
sehr wenig der Natur entsprechen. Er sah wie Leeuwenhoek und Young die Bögen
welche man schon mit der Lupe auf der Oberfläche des Krystalls erkennt nahm auch

13) PhiloBOnhical transactions. 1793.

14) Gben's Journal de Physik. 1794. B. 8. S. 329 ff.

15) Prodionjo. Tal). XIV. Fi". 21.
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