Arnold, Friedrich  
Anatomische und physiologische Untersuchungen über das Auge des Menschen — Heidelberg , Leipzig, 1832

Seite: 120
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durchsichtigen, hellen Flüssigkeit fähig sind. Da die Zahl der Häute, aus denen die
Linse zusammengesetzt ist, mehrere Tausende beträgt, so ist auch die der Kanälchen
eine unendliche, und eine zahllose Menge in einem so kleiuen Organ, wie der Krystall
des Auges, angesammelt und zu einem Ganzen vereinigt.

Als ich diese höchst eigenthümliche und bewundernswerthe Structur zum ersten
Mal wahrnahm, war mein Erstaunen nicht gering, aber eben so grofs auch meine
Zweifelsucht an der Richtigkeit und Wahrheit des Gesehenen. Dafs diese Erscheinung
nicht durch eine optische Täuschung hervorgerufen seyu konnte, leuchtete mir alsbald
ein und lag zu sehr am Tage; denn die Beleuchtung, bei der ich die Untersuchung
anstellte, war sehr schwach, das reflectirte Licht durch eine besondere Vorrichtung
gemäfsigt, die schwächeren Vergröfserungeu, bei denen jener Bau schon erkannt wurde,
höchst unbedeutend (30, 48 u. 75 Mal im Durchmesser) und bei verschiedener Stärke
der Linsen immer dasselbe Ergebnifs. Um mir aber von dieser Seite ja keinen
Einwurf machen zu können, nahm ich auch ein einfaches Mikroskop zu Hülfe, und
sah hier ganz dasselbe, was ich bei dem zusammengesetzten erkannt hatte; jedoch
waren die Theile unter diesem zu klein, als dafs darnach der Charakter derselben
durch Zeichnungen mit gutem Erfolg hätte gegeben werden können. — Von dieser
Seite also, dafs es nämlich keine optische Täuschung ist, der ich mich ausgesetzt
hätte, war ich für meinen Theil vollkommen überzeugt und konnte in diesem Punkte
ruhig in meinen Forschungen weiter gehen.

Eine andere Einwendung, die ich mir nothwendig machen mufste, war die, dafs
es keine Kanäle seyen, sondern Fasern, die durch ihre Unebenheiten an der Oberfläche
und durch ihre eigenthümliche Verbindungen sich uns scheinbar in ihrem Charakter als
Kanäle darstellen. — Wenn gleich die Fasern in anderen Gebilden des Körpers, zumal
den Zähnen, mit denen man schon die Linse in ihrem Bau und Leben verglichen hat,
keine sinuöse Ausbeugungen besitzen, wie man sie in der Linse erkennt, und es auch
eine ganz andere Art der Verbindung ist, die man in beiden wahrnimmt; so mufste
doch, und, wo möglich, ein directer Beweis geliefert werden, dafs das, was sich uns
hier darstellte, Kanäle sind. — Ich unterliefs daher nicht die verschiedenartigsten Ver-
suche, um solche Beweise aufzufinden.

Zuerst machte ich sehr feine uud zarte Querdurchschnitte der Linse, um die Lumina
der Kanäle, wenn solche existiren, zu sehen. Es glückte mir in der That auch mehr-
mals viele höchst kleine Oeffnungen bei stärkerer Vergröfserung hierbei zu erkennen,
und es hätte wirklich allen Anschein, als wenn diese die Folge der durchschnittenen
Kanäle wären. Doch zu völliger Gewifsheit konnte ich über diesen Punkt nicht gelangen,
und ich mufste also auf andere Mittel sinnen. — Ich legte daher ganz frische Linsen in
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