Arnold, Friedrich  
Anatomische und physiologische Untersuchungen über das Auge des Menschen — Heidelberg , Leipzig, 1832

Seite: 123
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mit einander stehen. Uebt man einen Druck auf die Linse aus, oder läfst mau sie in
Wasser etwas anschwellen, so mufs dieselbe, weil die häutigen Kapseln, durch welche
sie gebildet wird, höchst zart sind, zerplatzen und Risse bekommen und diefs gerade
da, wo die Membranen durch dichtes Aufeinanderliegen am meisten gespannt sind,
nämlich in der Achse vorn und hinten. Daher zeigt die Linse beim Zerplatzen gewöhn-
lich drei Risse in der Mitte, vorn und hinten, seltener bemerkt man deren mehrere.
Untersucht man die Linse ganz frisch vorsichtig unter Wasser, oder legt man dieselbe
behutsam in Weingeist oder Säuren, so kann man sie mit Leichtigkeit in eine unendliche
Menge von sehr feinen und zarten häutigen Kapseln zerlegen, an denen man eben da,
wo an macerirten Linsen so gewöhnlich Risse sich zeigen, keine bemerkt, sondern
unter dem Mikroskop ganz bestimmt den gegenseitigen Uebergang der Lymphgefäfse
nachweisen kann.

Demnach wäre also die Linse ein Organ, gebildet durch eine unzählbare Menge
von höchst dünnen und zarten ineinander geschlossenen häutigen Kapseln, deren Wand-
dungen durch zahlreiche netzartig sich verbindende Lymphgefäfse constituirt sind, ein
Organ, welches wie die Hornhaut durch diese Gefäfse in seinen Form- und Mischungs-
verhältnissen sich erhält, indem es die von der Kapsel abgesonderte Feuchtigkeit auf-
nimmt und wieder von sich gibt. — So wie eine Zwiebel in viele übereinderliegende
Häute sich zerlegen läfst, in denen man unter dem Mikroskop eine Menge von saft-
führenden verlängerten Zellen wahrnimmt, die wohl in ihrer Bildung den Uebergang
zu den Saftgefäfsen der Pflanzen machen; eben so besteht die Linse aus zahlreichen,
feinen, geschlossenen Membranen, die in ihren Wandungen sehr viele Gefäfse erkennen
lassen, welche wir gern als die einfachste und niederste Form des Lymphsystems im
menschlichen Organismus bezeichnen möchten. Es scheint, wie wenn diese Gefäfse
zunächst aus der ursprünglichen organischen Masse als die niederste Form der Saug-
adern hervorgegangen wären. — So wie ferner die Zwiebel in sich die Verrichtungen
des Blatts, der Wurzel, des Stengels unter der Form der Wurzel vereinigt; so ist die
Linse ein Gebilde, welches ohne besondere und getrennte Organe Stoffe aufnimmt und
von sich gibt und sich auf die allereinfachste Weise ernährt. — So wie endlich bei den
Zwiebeln die erste Ernährung und Belebung des in dem Zwiebelkuchen ruhenden Keims
mit von den Zwiebelschuppen ausgeht; so ist bei dem Krystallkörper die Bildung, das
Wachsthum und das Bestehen abhängig und bedingt durch die gefäfsreiche Kapsel.

Bärens 19) vergleicht auf eine nicht uninteressante Weise die Linse mit denjenigen
allereinfachsten Hydatiden, welche in einer eigenen Kapsel eingeschlossen sind ohne
Verbindung mit ihr, und die öfters eine aus vielen häutigen, einfachen und ineinander
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