Arnold, Friedrich  
Anatomische und physiologische Untersuchungen über das Auge des Menschen — Heidelberg , Leipzig, 1832

Seite: 124
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/arnold1832/0132
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
124

geschobenen Kugeln bestehende Masse darstellen. Cum eniin illae hydatides quasi pro-
totypus omnium perfectissimorum individualiumque animalium mihi esse videantur,
lentem crystallinam in animalibus iterum prototypum esse puto omnium singularis orga-
nismi partium.

Aus Allem geht also hervor, dafs die Linse ein individuelles Leben führt,
durch die ihr eigenen Gefäfse und durch ihre Selbsttätigkeit sich iu Form und
Mischung erhält, und so auf die allereinfachste Weise ernährt wird. Mit ihrer Kapsel
bildet sie ein Ganzes; denn an sie ist ihre Existenz gebunden, weil sie blos durch die-
selbe mit den übrigen Theilen des Auges und dem gesammten Körper in Verbindung
steht, und von ihr den Stoff bekommt, durch den der Wechsel der Materie während
ihres Lebens bedingt ist. Daher die häufigen und verschiedenartigen Veränderungen der
Substanz und der Form der Linse bei abnormen Zuständen der Kapsel und ihrer Ge-
fäfse. — Die Linse ist ein integrirender Theil des Organismus, ein in viele andern
Gebilde eingehülltes Organ, welches, obgleich abgeschlossen und ohne unmittelbare
Verbindung mit dem Gefäfssystem, doch an den Veränderungen des Körpers und ein-
zelner Werkzeuge theilnimmt. Bei der Bildung, Entwicklung, Blüthe und Abnahme
des Organismus bietet der Krystall im Auge Erscheinungen, welche mit den Um-
gestaltungen im ganzen Körper übereinstimmen. Im Anfang trüb wie das Aeufsere des
Auges selbst, bald au Gröfse und Umfang überwiegend, hell und klar uud gegen Ende
des Lebens kleiner und undurchsichtig werdend, zeigt die Linse wie jedes andere Organ
des Körpers den verschiedenen Perioden des Lebens entsprechende Zustände. Sie, als
das von dem Centralorgan des Kreislaufs des Bluts am meisten entfernte und gesonderte
Gebilde, läfst in dem Schwinden ihres Lebens, in ihrem Tode öfters am ersten die Nähe
des Tods vom gesammten Organismus uns erkennen.

Die Linse zeigt, zu Folge unserer Untersuchungen mit der Hornhaut im Bau- und
in der Art der Ernährung grofse Uebereinstimmung. Sowie die Hornhaut sich blos durch
ihre Lymphgefäfse im Zustand innerer Klarheit und vollkommener Durchsichtigkeit er-
hält, und keine Blut- oder seröse Gefäfse in normalen Verhältnissen in ihr erkannt
werden; ebenso ist die Klarheit und Durchsichtigkeit der Linse von der Thätigkeit ihrer
Saugadern abhängig und es gehen durchaus keine Arterien oder serösen Gefäfse als Ver-
längerungen der Gefäfse der Linsenkapsel in ihre Bildung ein. Es kann also nicht die
stete Erneuerung der Stoffe in ihr entweder einzig und allein oder doch zum Theil,
wie diefs so viele Physiologen angenommen haben, durch dieselben. bedingt seyn. Es
wollen zwar einige Anatomen, Winslow, Haller, Lobe, Camper, Heuermann, Möller
Zinn, Janin, Bell bei gut gelungenen Injectionen des Auges Gefäfse an der hinteren
Kapsel bis in die Substanz der Linse verfolgt haben; ja Hovivs spricht sogar über den
loading ...