Arnold, Friedrich  
Anatomische und physiologische Untersuchungen über das Auge des Menschen — Heidelberg , Leipzig, 1832

Seite: 125
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Bau der Linse die höchst merkwürdige Behauptung aus, dafs sie durch ein rein vas-
culöses Gewebe gebildet sey, aus durchsichtigen Nerven, zu- und abführenden Gefäfsen
bestehe und gibt hierüber in der vierten Figur der fünften Tafel eine dieser Ansicht
entsprechende, sehr sonderbare Abbildung. Dagegen haben viele andere Zergliederer, die
mit grofser Geschicklichkeit und mit Glück Einspritzungen des Auges vornahmen, wie
Ruysch, Albin, Lieberkühn, Hurter, Walter, Prochacska, Sömmerring, Döllinger,
Jacob, Werneck, keinen Gefäfszusammenhang zwischen der Linse und ihrer Kapsel
wahrgenommen oder wenigstens nichts von einer solchen Verbindung gesprochen; denn
Albin, auf welchen man sich so oft beruft, wenn von den Blutgefäfsen der Linse die
Rede ist, spricht ausdrücklich nur von den Gefäfsen der Linsenkapsel, und Zurur sagt
mehr als die nach einem LiEBERKÜHN'schen Präparate verfertigte Figur, die er uns zum
Beweise liefert, erkennen läfst. Auch ich habe bei den sehr häufigen und gelungenen
Einspritzungen, die ich an Fötus-Augen aus verschiedenen Monaten anstellte, nie irgend
eine Verbindung zwischen Linse und Kapsel wahrgenommen, und eben so wenig in der
Substanz der Linse selbst, bei meinen mikroskopischen Untersuchungen, eine Spur von
einem Blutgefäfse erkannt, obgleich doch die Gefäfse der Linsenkapsel in grofser Menge
und mit Blut gefüllt sich mir unter dem Vergröfserungsglas darstellten. — Ferner
hängt die Linse mit ihrer Kapsel so locker und ohne alle sichtbare Verbindungen,
selbst wenn man noch so vorsichtig letztere öffnet, zusammen, dafs schon dadurch die
Annahme von Gefäfsen die aus ihr in die Linse übergehen sollen, unwahrscheinlich
wird. Petit und Knox haben hierüber, wie bekannt, viele Versuche angestellt und sind
gleichfalls zu dem Resultat gelangt, dafs nirgends ein solcher Zusammenhang zwischen
beiden statt hat. Jacob behauptet zwar, die Linse sey mit ihrer Kapsel verbunden,
weil, wenn man an einem frischen Auge die Hornhaut und die vordere Kapselhaut
unter Wasser entferne und alsdann einen Hacken in die Linse steche, man auf diese
Weise das Auge halb aus dem Wasser heben könne, ehe sich die Verbindung der
Linse mit der hintere Kapsel trenne; allein diese Beobachtung ist, wie natürlich, kein
Einwand gegen unsere Annahme, da ohne Gefäfsverbindung durch die blose Adhäsion
ein solcher Zusammenhang bewirkt werden kann.

Die meisten Physiologen, welche an das Daseyn seröser Gefäfse zur Krystalllinse
glauben, sind hierzu sicher nicht durch eigene Wahrnehmung derselben bestimmt wor-
den , sondern vielmehr durch die Annahme, dafs die Ernährung der Linse, ihre Entzün-
dung und deren Nachübel ohne sie nicht erklärt werden könnten. Da es nun aber den
genausten Nachforschungen unmöglich gewesen ist Verbindungen zwischen Linse und
Linsenkapsel nachzuweisen, seyen sie nun durch Zellgewebe oder Gefäfse vermittelt; so
müssen wir von einer solchen Ansicht durchaus abstehen , da wir uns in der Anatomie
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