Arnold, Friedrich  
Anatomische und physiologische Untersuchungen über das Auge des Menschen — Heidelberg , Leipzig, 1832

Seite: 129
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Allgemein nimmt man nun an, dafs diese sich erst in Folge einer Entzündung gebildet,
da freilich Niemand an seröse Gefäfse zwischen dem Rippen- und Lungentheil der
Pleura glaubt. So ist es aber auch mit der Linse und ihrer Kapsel; denn es gibt,
wie von uns gezeigt wurde, keine Verbindungen zwischen beiden; also müssen auch
die Gefäfse neu sich bilden, so wie die Pseudomembranen erst entstehen, welche bei der
Entzündung der Linse zwischen ihr und ihrer Kapsel getroffen werden.

So wie die Ernährung und der Wechsel der Materie in der Linse sehr langsam
und träge geschieht, so hat auch nach v. Walthers 27) Zeugnifs die Entzündung der-
selben immer einen chronischen Verlauf, gleich der Entzündung der Knochen, Knorpel
und fibrösen Häute. Sie entsteht äufserst langsam, ist mit wenigen Schmerzen verbunden,
bei unempfindlichen Subjecten sogar schmerzlos, tritt niemals rein entzündlich auf, ist
immer von gemischler, dyscrasischer Natur, und hat als Folgeübel öfters Vereiterung,
Verhärtung und andere Krankheiten der Vegetation.

Mit diesem trägen Lebens - und Bildungs-Procefs steht die mehr oder weniger voll-
kommne Regeneration der Linsensubstanz in Zusammenhang. Cocteau 28), Dieterich29),
Mayer 30) und Andere haben an Thieraugen den Wiederersatz der Linsensubstanz nach.
Entfernungen und Verletzungen des Krystalls beobachtet. W. Sömmerring 3 J) u. Andere
sahen bei ihren Untersuchungen der Augen von Personen, die am Staar operirt wurden,
eine der Linse analoge Substanz, welche im frischen Auge dnrchsichtig, gallertartig
•war und erst im Weingeist als eine weifse, käsige Masse sichtbar wurde. — Es scheint
die sich theilweise regenerirende Linse von den wiedervereinigten Kapselresten abgesondert
«u werden und daher auch nach der Gestalt derselben eine ringförmige oder eine halb-
mondförmige oder irgend eine andere Form zu besitzen.

All das bisher Gesagte beweist zur Genüge, dafs die Linse durch besondere, ihr
eigene Gefäfse sich ernährt, und in ihren normalen Verhältnissen erhält. Ist ihre
Lebensthätigkeit zu sehr gesunken oder gesteigert, ist das peripherische Gebilde, an
welches die Natur ihre Existenz geknüpft hat, abgewichen von seinen gesunden Ver-
hältnissen , so mufs die Linse in ihren Verrichtungen gestört werden und Veränderungen
erfahren, die, da säe ein durchsichtiges Medium des Auges betreffen, das Sehen
schwächen oder völlig zernichten.

Die Linse kann, da sie sich durch ein besonderes Gefäfssystem auszeichnet, nicht zu
den einfachen Geweben gerechnet werden, wie diefs von einigen Anatomen und neuerdings

27) A. a. O. S. 72 ff. r

28) Versuche über die Reproduction der Linse. Fromep's Notizen. B. 16. S. 289 ff.

29) Ueber die Verwundungen des Linsensystems. S. 70 ff.

30) Froriep's Notizen. B. 25. S. 298.

31) Beobachtungen. S. 09 ff.

F. Aunoj.1), Anat. u. physiol Untersuchungen. 1?
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