Arnold, Friedrich  
Anatomische und physiologische Untersuchungen über das Auge des Menschen — Heidelberg , Leipzig, 1832

Seite: 131
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/arnold1832/0139
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
131

Verhalten des Krystallkörpers durchaus verschieden von dem der einfachen Gewebe;
denn er löst sich fast ganz in kaltem Wasser auf (die unauflösliche Substanz, 2, 4 p. c,
besteht aus äufserst durchsichtigen Häutchen, welche wahrscheinlich die höchst feinen
Wandungen der Gefäfse sind), enthält eine eigenthümliche in Wasser lösliche Materie,
welche beim Kochen gerinnt, dem geronnenen Eiweifs sehr ähnlich ist und alle Eigenschaften
des Färbestoffs des Bluts, die Farbe ausgenommen, besitzt, gibt ferner bei der Zerlegung
sehr viel Wasser, einige Salze und noch einige thierische Materien, durch welche Be-
standtheile sich die Linse sehr wesentlich von den einfachen Geweben unterscheidet. —
Fünftens und endlich sind die" Veränderungen, welche die Linse in Krankheiten erfährt,
Entzündung, Cataracta, Vereiterung, Verhärtung etc., so wie mikroskopische Unter-
suchungen , welche die Existenz von Lymphgefäfsen nachweisen, Beweise genug gegen
obige Lehre und für die Wahrheit der von uns vorgetragenen Ansicht. — All diese
Gründe gelten auch gegen die Meinungen von Mayer und Heusinger, von denen jener
sie, wie die Hornhaut, zum Blättergewebe, dieser, wie den Schmelz, zum Horngewebe
rechnet.

Einer anderen Ansicht zufolge, welche schon von den ältesten Anatomen und vor
Kurzem noch durch W. Sömmerring 34) ausgesprochen wurde, betrachtet man die Linse
als einen fest-weichen Körper, als eine schon im Leben allmählig verhärtete (!) von
der Kapsel secernirte Feuchtigkeit, und stellt sie dadurch der von der tunica humoris
aquei, ebenfalls einer wahren Kapselhaut, abgesonderten wässerigen Feuchtigkeit und
dem in den Zellen der Glashaut sich bildenden humor vitreus zunächst. „Sie unterscheidet
sich von diesen beiden Feuchtigkeiten", sagt W. Sömmerring, „aufser einer gröfseren Con-
sistenz hauptsächlich nur durch ihre eigene Art von Structur. Schön mein Vater hat
gezeigt, dafs dieser concentrisch-schaalige Bau, diese Radialfasern und Theilungen
gerade um so weniger sichtbar sind, je jünger und frischer die Linse ist; in der aus
Alter oder Krankheit abgestorbenen, staarartig verdunkelten, oder nach dem Tode sich
trübenden, das heifst, sich zersetzenden Linse treten sie deutlich hervor. — Gerade
diese gleichsam krystallinisch-regelmäfsige Structur ist mehr den unorganischen Stoffen,
als eigentlich organisch belebten Theilen eigen; sie ist ein Resultat der schon im Leben
stattfindenden reinen Polar- und Central - Attraction bei dem allmähligen Festwerden des
flüssigen humor Morgagni, aber nicht der Bildung durch in sie übergehende, ernährende
Gefäfse. Wir finden ganz dieselbe Structur in vielen unorganischen Körpern, zum Bei-
spiel dem Glaskopf, Schwefelkies, ja selbst in den Gallen - und Harnsteinen, welche doch
sicher blos durch Iuxtaposition von aufsen sich allmählig bildende Concremente der Galle
des Harns sind. Auch bei der Linse ist der Kern stets am festesten; die äufseren
34) Beobachtungen über die organischen Veränderungen iui Auge nach Staaroperationen. S. 49 ff.
loading ...