Arnold, Friedrich  
Anatomische und physiologische Untersuchungen über das Auge des Menschen — Heidelberg , Leipzig, 1832

Seite: 132
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später sich verhärtenden Schichten werden immer weicher, bis endlich der humor
Morgagni, gleichsam als letzte Schichte, völlig flüssig erscheint. Er ist der Linsen-
stoff, der durch die Linsenkapsel, stets erneuert, wieder abgesondert wird, und indem
seine flüfsigeren Theile durch Resorption von derselben Kapsel wieder aufgenommen und
entfernt werden, sind die festeren von der Linse angezogen und setzen sich, nach reinen
Krystallisationsgesetzen, an dieselbe unter bestimmten Winkeln, ohne ihre Durchsichtig-
keit zu verlieren, als neue Faserschichten an".

Wenn gleich diese Meinung, besonders zufolge dem bisher Mitgetheilten nicht sehr
plausibel ist; so müssen wir doch dieselbe berücksichtigen und die Gründe bemerklich
machen, welche dagegen aufgeführt werden können, weil es vielleicht dem oder jenem
gefallen möchte, auf dieser Ansicht weiterhin zu verharren oder sogar als Vertheidiger
derselben aufzutreten. — Es ist wahr, gewisse krankhafte Veränderungen der Linse und
manche Erscheinungen derselben während des Lebens können bei' dieser Annahme und
ohne an die Existenz eines besonderen Gefäfssystems zu glauben, ganz gut erklärt wer-
den; viele andere Phänomene jedoch, sowohl im gesunden als kranken Zustande, auf die
wir schon oben aufmerksam gemacht haben, lassen sich bei dieser Hypothese nicht be-
friedigend und naturgemäfs physiologisch auseinandersetzen und deuten. — Wenn wir
auch die Vergleichung mit Gallen- und Harnsteinen für unstatthaft halten, so müssen
wir doch zugeben, dafs in abnormen Verhältnissen gewisse Flüssigkeiten des Körpers
'Veränderungen erfahren, durch die sie in einem nicht geringen Grade dem äufsereq An-
schein nach der Linse ähnlich werden. So namentlich die Synovia in den Schleimbeuteln,
welche die Sehnen als Scheiden umgeben, Schon mehrmals fand ich in der Hand und am
Fufse solche Beutel, an denen sich wieder zahlreiche kleine Kapseln gebildet hatten,
von welchen jede für sich eine ziemlich consistente Flüssigkeit einschlofs, welche nach
Eröffnung der Kapsel in Form einer Linse hervortrat. Die äufsere Aehnlichkeit mit dem
Krys'tallkörper im Auge, zumal beim Fötus, war hier so grofs, dafs selbst der Geübte
und Erfahrene im ersten Augenblick die krankhaft veränderte Flüssigkeit für eine Linse
erklärt haben würde, denn sie hatte nicht blos die Form derselben, sondern auch
ihre Consistenz und Durchsichtigkeit. Um nun zu erfahren, ob auch diese Körperchen
einen besonderen Bau unter dem Mikroskop erkennen lassen, schickte ich mich sogleich
an, dieselbe auf diesem Wege zu untersuchen. Allein so grofs die äufsere Aehnlichkeit,
so grofs jetzt die Verschiedenheit; denn kein Anschein einer besonderen Structur, keine
Spur irgend eines Gefäfses, das Ganze nichts als eine homogene Masse.

An der Linse unterscheidet man gewöhnlich zwei Substanzen, eine äufsere, weiche,
zähe, und eine innere mehr consistente und feste, welche beide in einander übergehen,
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