Arnold, Friedrich  
Anatomische und physiologische Untersuchungen über das Auge des Menschen — Heidelberg , Leipzig, 1832

Seite: 137
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der Verknöcherung ist der Zutritt rothen Bluts, wie diefs zahlreiche Untersuchungen
und besonders die Beobachtungen über den Ossifications - Procefs der Kniescheibe lehren.
So wie die Ablagerung der Bestandtheile, welche die Knochenmaterie bilden, aus dem
Blut geschieht, so erfolgt wohl auch unmittelbar aus dieser Flüssigkeit die Absetzung
der Faser- und Eiweifsstoff-Kügelchen, die sich in dem Zellgewebe der Länge nach
an einanderreihen und dadurch Muskel- und Nervenfasern erzeugen.

Die Nerven entstehen dem zufolge unabhängig von dem Centralorgan, sie bilden
sich da, wo sie erscheinen, nach einem gewissen Typus und wachsen eben so wenig
in das Hirn und Rückenmark hinein, als sie daraus hervorkommen. Nur die wahren
Sinnesnerven, Seh-, Hör- und Riechnerve entstehen mit ihren Organen (wenigstens
gilt diefs vom Augapfel und dem Labyrinth des Ohrs), nach den von Baku am be-
brüteten Hühnchen gemachten Entdeckungen aus dem Gehirn. Burdach x) bemerkt hier-
über sehr richtig: „Es scheint am Gehirn ein Peripherisches sich zu bilden, welches
sich allmählig von ihm abscheidet, nach den Umgebungen rückt und daselbst ein
Sinnesorgan darstellt, während die ausgesponnene Masse als Verknüpfendes zwischen
Hirn - und Sinnesorgan zurückbleibt, den Siunesnerven darstellend. Der Nerve wächst
also nicht aus dem Gehirn in das Sinnesorgan hinein, sondern das Rudiment des Sinnes-
organs hat sich am Gehirn gebildet, und der Nerve erscheint blos als das auseinander-
haltende und dabei verknüpfende Mittelglied beider. Die drei Sinnesnerven zeigen sich
ursprünglich als verlängerte Hirntheile, d. h. als aus Hirnsubstanz bestehende Röhren,
deren Höhlen Fortsetzungen der Hirnhöhlen sind".

Aus dem Allen geht also hervor, dafs, wie die Schleimhautröhre sich, auch die Nerven-
röhre frühzeitig in mehrere Abtheilungen scheidet, von denen die eine das Rückenmark,
die zweite das verlängerte Mark mit dem kleinen Hirn, die dritte die Vierhügel und
endlich die vierte das grofse Hirn darstellt und einschliefst. So wie nun ferner aus
jener Röhre mehrere Organe, die zu ihr in einer nahen physiologischen Verbindung
stehen, als secundäre Gebilde hervorkommen; so treten die höheren Sinnesorgane, als
die wichtigsten Aufsenwerke des Gehirns , aus der Nervenröhre heraus und erscheinen
unter der Form einer Hervorstülpung als secundäre Productionen derselben. Baer und
mit ihm Burdach sind, meines Wissens, die einzigen, welche besonders in Bezug auf
das Auge diese Ansicht ausgesprochen und vertheidigt haben. Unter den vielen Ent-
deckungen im Bereiche der Bildungsgeschichte hat jener ausgezeichnete Beobachter auch
das schöne Verdienst, dieses Verhältnifs des Sehorgans zum Gehirn zuerst erkannt und
gewürdigt zu haben.

Malpighi, Haller, Wachendorfp, Wrisberg, Albin, Brendel und Andere haben

1) Die Physiologie als Erfalirungswisscnschaft. B. 2. S. 446.
F. Arnold , Anat. u. pkysiol. Untersuchungen. 18
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