Arnold, Friedrich  
Anatomische und physiologische Untersuchungen über das Auge des Menschen — Heidelberg , Leipzig, 1832

Seite: 138
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zur Bildungsgeschichte des Sehorgans einzelne Beiträge geliefert und mitunter schätz-
bare Beobachtungen uns hinterlassen. Die Zeit, zu der das Auge zuerst erscheint und
seine einzelnen Theile auftreten, die Veränderungen, welche diese und der ganze Aug-
apfel in Bezug auf Gröfse, Gestalt und andere äufsere Verhältnisse in den verschiedenen
Perioden vor und nach der Geburt erfahren, wurden besonders von ihnen beachtet. Allein
die Art der Entstehung des gesammten Augapfels und seiner Theile haben die ge-
nannten Männer zunächst nicht ins Auge gefafst, und unterlassen über die genetische
Beziehung des Sehorgans zum Gehirn und die Bildungsweise seiner einzelnen Organe
Untersuchungen anzustellen. Erst Kieser, v. Waltheb, Huschke, Baer, Burdach,
v. Ammo\, Stark, J. Müller und Gescheidt theilten uns Beobachtungen und Ideen
über die Genesis des Auges und der dasselbe integrirenden Gebilde mit; gelangten aber
auf den Wegen, die sie einschlugen, zu sehr verschiedenen, oft entgegengesetzten Re-
sultaten. Die hauptsächlichste Differenz in den Ansichten betrifft den Punkt, ob das
Auge als eine Blase, sey es nun selbstständig oder abhängig entsteht, oder aber durch.
Zusammenrollen einer Platte, vielleicht zweier, sich bildet. Für eine jede der aufge-
stellten Meinungen wurden Beobachtungen angeführt, wo solche fehlten oder mangelhaft
waren, suchte man sie durch Conjecturen zu ersetzen; und so kam es, dafs ausgezeichnete
Beobachter in ihren Behauptungen einander geradezu entgegen standen, obgleich doch
ein jeder das, was er in der Natur sah, richtig erkannte. Durch die Spaltung, die
Mehrere an Embryonen in der Ader- und Netzhaut mit Bestimmtheit wahrnahmen,
liefsen sie sich zur Ansicht bestimmen, der gesammte Augapfel entstehe als eine Platte
und bilde sich durch Zusammenrollen derselben, indem diese nach unten verwachse;
Andere, welche die Hervorstülpung aus der Nervenröhre am bebrüteten Hühnchen
deutlich erkannten, sprachen die Ueberzeugung aus, das Auge mit seinen Häuten ent-
stehe als eine Blase und die Spalte in der Chorioidea und Retina sey nichts als eine
ungefärbte Stelle und ein verdünnter Streif. — So wie gar häufig bei verschiedenen
Ansichten über Dinge in der Natur eine Vereinigung derselben auf gewissem Wege das
geeignetste Mittel zur Erlangung der Wahrheit ist, so hoffte ich auch durch Be-
obachtungen an Embryonen von der Kuh, die ich mir in Menge und ganz frisch zu
verschaffen suchte, die entgegengesetzten Meinungen auszugleichen. Zahlreiche Unter
suchungen, welche in dieser Hinsicht ohne alle vorgefafste Meinung angestellt wurden,
lieferten mir Ergebnisse, die meinen Erwartungen zum Theil entsprachen und mich
noch auf eigene -Ansichten über die Bildungsweise einzelner Theile des Augapfels
leiteten. Bevor wir die Resultate unserer Untersuchungen geben, wollen wir die
Ansichten der oben genannten Männer über die Genesis des Auges der Hauptsache nach
mittheilen.
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