Arnold, Friedrich  
Anatomische und physiologische Untersuchungen über das Auge des Menschen — Heidelberg , Leipzig, 1832

Seite: 139
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Kieser 2) machte seine Beobachtungen über das Auge am bebrületen Hühnchen
und behauptet diesen zufolge, dafs die von Malpighi und Haller bemerkte Spalte an
der unteren Seite der Iris nichts anders sey, als die in den ersten Bildungsperioden des
Vogel-Embryo sich bis in die Pupille erstreckende Oeffnung in der Sclerotica für den
Eintritt des Sehnerven. Die Chorioidea bildet nach ihm anfänglich die Pupille und
sie besitzt eine Spalte, die man irrig für eine Spalte der Iris gehalten hat. Es sind
weder Sehnerve und Retina, noch Strahlenkörper und Regenbogenhaut vorhanden. Wenn
der Ciliar-Körper erscheint (9ter Tag), so bildet er die Pupille; die Spalte der Ader-
haut erstreckt sich durch ihn bis zu derselben. Die ersten Ansätze der Iris sind als
eine zarte, ungefärbte Membran kaum bemerklich, ohne Nerven und Gefäfse. Am
13ten Tage der Bebrütung ist die Iris zuerst mit blosen Augen sichtbar als eine zarte
aus gleichförmiger Masse bestehende Membran ohne Spalte und ohne pigmentum nigrum.
Die Blendung bildet sich von dem Umkreise des Ciliar-Körpers nach dem Mittelpunkt
der Pupille sich ausbreitend, und erst am 21ten Tage ist mit der vollkommnen Bildung
des Ciliar - Nerven und Ciliar - Gefäfses der Iris der Bildungs - Procefs des Auges ge-
schlossen. Es ist mehr als wahrscheinlich, dafs bei dem ersten Erscheinen des Auges
blos die Krystalllinse vorhanden ist, noch die anderen Feuchtigkeiten enthaltend, aber
eben defshalb auch noch nicht Krystalllinse.

Ph. v. Walthur 3), durch die zuerst von ihm genauer beschriebene Blendungs-
spalte , coloboma iridis, auf die Entstehungsweise dieses Uebels und die Bildung des
Augapfels aufmerksam gemacht, betrachtet dieselbe als eine Hemmungsbildung und
nimmt den gleichen Grund der Entstehung, welchen Fr. Meckel den meisten ange-
borenen Trennungen in der Mittellinie des menschlichen Körpers unterlegte, für diesen
angeborenen Bildungsfehler an, indem er sagt: „Die Bildungsgesetze des ganzen Thier-
leibes sind auch die Bildungsgesetze jedes einzelnen Organs. Wie jener ursprünglich
aus zwei seitlichen Hälften besteht, welche erst, nachdem sie einen gewissen Grad der
Ausbildung und Entwicklung erreicht haben, in der Mittellinie zusammenwachsen, so
auch jedes besondere Organ, selbst die doppelt vorhandenen".

Diese sehr sinnreiche Vermuthung von Walther über die Bildungsweise des Seh-
organs schien in den Beobachtungen von Huschke 4) über das Auge des Vogels während
der Bebrütung Bestätigung zu erhalten; denn sie zeigten, dafs die von Kieser bemerkte
Spalte sich durch alle Häute des Auges, Sclerotica, Chorioidea und Retina erstreckt

2) Beiträge zur Anatomie und Physiologie. H. 2. S. 93, 94, 95, 101 u. 104.

3) Uclier einen bisher nicht beschriebenen, angcborncn Bildungsfehler der Regenbogenhaut in Gbäfi••'*
und Wjh.theb'8 Journal. B. 2. S. 602.

4) De pcctine, p. 3, 11 u. 12.

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