Arnold, Friedrich  
Anatomische und physiologische Untersuchungen über das Auge des Menschen — Heidelberg , Leipzig, 1832

Seite: 144
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Im Anfang sind die Augen von der Haut überzogen, wie andere Theile des
Körpers. An Kuh - Embryonen von 4 Linien Länge, etwa aus deni Anfang der
4ten Woche des Trächtigseyns, erkennt man mit Hülfe der Lupe zu beiden Seiten
des Kopfs unter den allgemeinen Bedeckungen den noch ziemlich kleinen Augapfel,
und durch das Mikroskop überzeugt man sich, dafs dieser aus einer dünnwandigen
Blase und einem flüssigen Eiweifs besteht. Bei geringerer und stärkerer Vergrößerung
zeigt jene dasselbe Aussehen wie die häutige Röhre des Rückenmarks und die Hirn-
blasen, eine fein körnige Masse, die aus dicht gedrängten Kügelchen zusammengesetzt
ist und sich wesentlich von der Markmasse der Netzhaut beim Fötus, sowohl durch
die Gröfse der Kügelchen als auch durch das helle Aussehen, unterscheidet. Der In-
halt der Blase ist eine dicklichte Flüssigkeit und dadurch sehr verschieden von dem
Fluidum, welches anfänglich die Hirnblasen einschliefsen. Aufser dem vermochte ich
in dem Auge nichts zu erkennen, keine Gefäfse und keine Nervenmasse. Nach Er-
öffnung der Hirnzellen , die in der vierten Woche schon eine ziemlich beträchtliche
Gröfse erlangt haben, bemerkt man seitlich an der mittleren Blase eine Vertiefung oder
eine Oeffnung besonders deutlich an Embryonen, die schon in Weingeist lagen, gerade
da, wo man aufsen den Augapfel wahrnimmt. Diefs sah ich öfters in der angegebenen
Zeit und immer auf dieselbe Weise, so dafs ich nicht anstehen möchte, der von Baer
zufolge der Beobachtungen am Hühnchen gemachten Behauptung beizutreten, dafs sich
das Auge durch Hervorstülpung aus der Nervenröhre bildet; und diefs um so weniger,
als die Wandung jener Blase mit den Hirnblasen so gröfse Aehnlichkeit hat.

Die zuerst vorhandenen Theile des Auges wären demnach eine Blase, welche durch
Hervorstülpung aus der mittleren Hirnzelle entsteht und die äufseren Häute des Aug-
apfels , Sclerotica und Hornhaut darstellt, und zweitens eine flüssige Masse, welche
den Inhalt der Blase abgibt und aus der die Linse mit ihrer Kapsel, höchst wahr-
scheinlich selbstständig sich bildet, v. Baer hält die Wand der Blase für die Netzhaut
und erklärt defswegen Linse und Retina für die ursprünglich vorhandenen Theile. Dieser
Meinung können wir aus obigen Gründen nicht beitreten, sondern müssen annehmen,
dafs zunächst blos das Aeufsere des Augapfels durch Hervortreten aus der häutigen
Nervenröhre sich bildet, gleich wie beim Rückenmark und Gehirn nicht die Nerven-
masse, sondern die Wandungen oder äufseren Hüllen das zuerst Erzeugte sind. Das
Auge unterscheidet sich also in seinem Auftreten, in seinem ersten Erscheinen blos
dadurch von Gehirn und Rückenmark, dafs es nicht unmittelbar aus der thierischen
Urmasse erzeugt wird, sondern als eine secundäre Formation abhängig von der Nerven-
röhre entsteht. Die Linse mit ihrer Kapsel aber bildet sich ganz unabhängig von
anderen Organen aus dem sulzigen Stoffe, welcher ursprünglich in jener Blase enthalten
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