Arnold, Friedrich  
Anatomische und physiologische Untersuchungen über das Auge des Menschen — Heidelberg , Leipzig, 1832

Seite: 147
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und in einem gewissen Gegensatz zu ihr geschieht die Bildung der Nervenhaut abhängig
von der Entfaltung der Central - Schlagader des Auges. Ihre Genesis geht zunächst
nicht von der Hirnmasse aus, so dafs man sie mit der von ihr eingeschlossenen Höhle,
wie v. Baer glaubt, als eine nach der Seite getretene Hirnkammer betrachten könnte;
sondern die Ablagerung der Nervenmasse ist bei der Entstehung eben so sehr durch
den Eintritt und die netzartige Ausbreitung jenes Blutgefäfses bedingt, als ihre Er-
nährung oder der Wiederersatz der Nervensubstanz vermittelt wird durch die normale
Thätigkeit der arteria centralis retinae. Gleich wie die hinteren Ciliar - Gefäfse sich zu
einer Haut entfalten, die nach unten offen bleibt, so erzeugen auch die Aeste der in-*
nersten Schlagader des Auges eine zarte Membran, die in den ersten Zeiten unten und
innen nicht geschlossen ist und dadurch die Unterbrechung des Zusammenhangs der
Substanz der Retina an dieser Stelle verursacht. Die Netzhaut ist anfänglich verhältnifs-
mäfsig sehr dick und erstreckt sich von der Eintrittsstelle des Sehnerven bis zum Um-
fang der Linsenkapsel als ein fast gleich starkes Markblatt.

Der Krystallkörper hat sich von seinem Erscheinen an bis zu Ende des ersten
Monats so weit verändert, dafs man an der Kapsel mehrere Gefäfse wahrnimmt, und
ihr Inhalt ein dickflüssiges Eiweifs darstellt. Der Raum innerhalb der Netzhaut wird
gröfstentheils durch denselben ausgefüllt, und nur ein kleiner Theil desselben hinter
der Linse durch den sich entwickelnden Glaskörper eingenommen. Hinter der Krystall-
kapsel nämlich und im Umfang derselben sieht man eine helle, durchsichtige, von Ge-
fäfsen umgebene und durchzogene Masse, welche mir das Produkt der serösen Secretion
jener zu seyn scheint. Ich für meinen Theil kann zufolge der gemachten Beobachtungen
nicht annehmen, dafs der Glaskörper eben so wie die Linse aus der ursprünglich vor-
handenen Flüssigkeit entsteht, oder dafs, wie Kieser sich ausdrückt, die Krystalllinse
bei dem ersten Erscheinen des Auges noch die anderen Flüssigkeiten enthalte, aber
eben defshalb auch noch nicht Linse sey; denn der Inhalt der Krystallkapsel ist an-
fänglich trüb und milchicht, später dickflüssig wie Eiweifs ohne Spur von Blutgefäfsen,
der Glaskörper aber zeigt sich von Beginn an hell, durchsichtig, sehr flüssig und sieht
wegen der vielen Gefäfse, die ihn umgeben und durchziehen, röthlich aus. Hiermit
stimmt nun auch ganz überein, dafs die Linse öfters, der Glaskörper dagegen nie oder
höchst selten ursprüngliche Bildungsfehler darbietet.

Der Mangel der Linse gehört nach Schön's Zeugnifs zu den allerseltensten Fällen
und diese Thatsache läfst sich wohl auf das Gesetz zurückführen , dafs je früher die
Bildung eines Organs oder der Theile desselben geschieht und je schneller die ersten
Perioden der Entwicklung vollbracht sind, um so seltener ursprüngliche Bildunffsfehler
beobachtet werden. Daher findet man auch Mangel der Iris und angeborne Fehler
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