Arnold, Friedrich  
Die Physiologische Anstalt der Universität Heidelberg von 1853 bis 1858 — Heidelberg, 1858

Seite: 5
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Der Lehrer der Physiologie muss dieselben Mittel und Wege
wählen , um seine Zuhörer zur rieht igen Erkenntniss der Vorgänge
im lebenden Organismus zu führen, wie der Lehrer jeder intuitiven
Wissenschaft. Er muss mithin durch Versuche und Beobachtungen,
die er seinen Zuhörern in möglichster Vollständigkeit gibt, das
erforderliche Material für die sinnlichen Wahrnehmungen derselben
vorführen und zugleich darauf hinweisen, in welchem Zusammen-
hange die erkannten Erscheinungen stehen und auf welche Gesetze
dieselben zurückzuführen sind. Nur durch autoptische Prüfung der
Erscheinungen und Wirkungen der Vorgänge im lebenden Organis-
mus und durch die stete Vergleichung derselben mit den verwandten
physikalischen und chemischen Processen ausser dem Organismus
mittelst der Darlegung durch physikalische und chemische Apparate
wird es dem Studirenden möglich, erstens eine klare und richtige
Einsicht in die Vorgänge des lebenden Organismus zu gewinnen, d. h.
eine richtige Erkenntniss der Beobachtungen und Thatsachen in der
Physiologie zu erhalten , und zweitens ein selbstständiges Urtheil über
die Ansichten und Lehren in der Physiologie durch die eigene An-
schauung der physiologischen Phänomene und Processe zu erlangen.

Die Versuche in den Vorträgen über Experimentalphysiologie
dürfen sich nicht auf den experimentellen Aachweis einiger .Sätze,
das Vorzeigen von Reactionen. die Angabe von Maassbestimmungen
beschränken, sondern es müssen jedenfalls die wichtigsten physio-
logischen Lehrsätze, Processe und Thatsachen durch Versuche er-
läutert und diese in allen ihren Beziehungen vorgeführt werden.
Die gcsnmmfc Physiologie muss gleich wie die Chemie und Physik
in solchen Vorträgen behandelt werden. Es soll nicht Alles, was
geboten werden könnte, geboten werden: denn dazu bedarf es einer
geraumeren Zeit, als sie von der grossen Mehrzahl der Mediciner
dieser Wissenschaft gewidmet wird und gewidmet werden kann.
Dagegen lassen sich die einzelnen Vorgänge und deren wichtigsten
Erscheinungen durch Experimente an lebenden Thieren , durch physi-
kalische und chemische Versuche, soweit diese zur Vergleichung
erforderlich sind, sehr gut in den Vorträgen erläutern. Derartige
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