Andreae, Bernard [Hrsg.]; Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard [Hrsg.]; Robert, Carl [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (1,2): Die Sarkophage mit Darstellungen aus dem Menschenleben: Die römischen Jagdsarkophage — Berlin, 1980

Seite: 20
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1.1. DER VENATORSARKOPHAG LEPRI-GALLO

zu sein. Dieser Typus wurde auf dem Venatorsarkophag nun noch dahingehend akzentuiert, daß man den
Eindruck gewinnt, als ob der Eber nach hinten zurückweiche, ja fast als breche er zusammen. Obwohl
der Mythos die Möglichkeit nicht zuläßt, wird auf dem Venatorsarkophag der Anschein erweckt, als sei
der Reiter der Sieger in diesem Kampf. Diese Vorstellung wird noch dadurch nahegelegt, daß neben dem
lebenden Keiler ein schon erlegter hingestreckt ist. Offenbar kam es dem Besteller darauf an, den vom
Mythos bestimmten Ausgang dieser Jagd nicht allzu deutlich ins Bild zu setzen.

Um den Sinn dieser Veränderungen besser verstehen zu können, gilt es zunächst, den Zeitpunkt möglichst
genau festzustellen, zu dem diese eigenartige und, wie sich zeigen wird, entwicklungsfähige Variante der
Hippolytossarkophage geschaffen wurde. Die Zeitbestimmung des Sarkophags war lange Zeit umstritten,
dürfte aber nun als geklärt gelten51. Sie hängt in erster Linie von der Entwicklung des Reliefstils auf
den Sarkophagen in der Zeit von 220-270 n.Chr. ab. Aufgrund einer Reihenbildung, wie sie auf einer großen
Übersichtstafel52 vorgelegt wurde, läßt sich der Weg der Sarkophagkunst in dieser Zeit in großen Zügen
verfolgen. Er führt von einer kleinteiligen, im Bohrstil unregelmäßig zerfaserten, in den Gewändern trotz
der allgemeinen, dem 3. Jahrhundert eigenen Verhärtung und Grobheit der Faltenzüge noch stofflichen Form
zu einer großlinigen, in den Bohrgängen geordneten, kalligraphischen und immer stärker entsinnlichten
Wiedergabe des Naturvorbildes. Auf diesem Wege kann man den Sarkophag nur am Anfang einordnen.
Nicht ganz so einfach ist die Bestätigung dieser Datierung durch die Porträts, bei der sich die alte, immer
wieder auftretende Schwierigkeit der differenzierenden Stilbestimmung spätseverischer und gallienischer
Porträts einstellt53.

Die Frisur der Diana kann als die im ganzen 3. Jahrhundert immer wieder begegnende sogenannten »Plautilla-
frisur«54 angesprochen werden, die jedenfalls in den zwanziger Jahren noch geläufiger war als später. Sie
wurde neben anderen Frisuren auch von den drei Frauen Elagabals getragen55. Das Porträt des stehenden
Venators mit seinen von hinten nach vor gestrichenen über der Stirn sich gabelnden Haarsträhnen, in
die einzelne Bohrlöcher gesetzt sind, läßt sich an das Porträt des Kaisers ElagabaL6 anschließen, wäre
von der Frisur her aber auch in der Zeit Galliens möglich. Schwieriger ist es, die mit ganz unruhig kreuz
und quer in die Haare gesetzten Bohrlöchern angedeuteten kurzen Locken des Grabinhabers in der Hippolytos-
gestaltzu Pferde in gallienische Zeit zu datieren. Sie sind eher als ein Nachleben spätantoninischer Frisureneigen-
arten in severischer Zeit zu verstehen57. Jedenfalls kann man mit den Porträts eine Spätdatierung des
Sarkophages nicht begründen, an die man sowieso nur wegen einer gewissen Grobschlächtigkeit der Bildhauer-
arbeit denken könnte. Diese findet sich auch bei anderen Sarkophagen der 20er Jahre des 3.Jahrhunderts58,
während man sie in gallienischer Zeit in dieser detailreichen Art vergeblich sucht. Natürlich muß man
sich auch die Frage vorlegen, ob nicht ein Datum zwischen der spätseverischen und der gallienischen Zeit
in Frage kommt. Das wird durch die Frisur des Venators aber weitgehend ausgeschlossen und läßt sich
auch kunstgeschichtlich nicht begründen. Man wüßte nicht, an welche andere durch Synchronismen mit
den Kaiserporträts, durch typologische Entwicklung, Werkstattzusammenhang und Stil datierbare Gruppe
man diesen Sarkophag anschließen sollte als an die um den Adonissarkophag im Museo Gregoriano Profano
des Vatikan59, der von der Forschung wegen der Eindeutigkeit seiner Porträtformen einhellig gegen 220n.Chr.
datiert wird. Wegen einer gewissen Schwere der Figuren und, weil gegenüber den Sarkophagen der beiden
ersten Jahrzehnte der tragende Reliefgrund wieder in zunehmendem Maße sichtbar wird, scheint der Sarko-
phag ein wenig später zu sein als der besonders fein und sorgfältig gearbeitete Adonissarkophag, von dem er
sich auch durch seine Zugehörigkeit zu einer anderen Werkstatt absetzt. Diese Werkstatt, die in der vorläufigen
tabellarischen Übersicht60 mit einem • bezeichnet wurde, läßt sich über drei Jahrzehnte verfolgen und arbeitet

51 Vgl. Jung (1978) 343 Anm. 41.

52 Andreae (1973) Abb. 581-594. - Vgl. B. Andreae-H. Jung, Vorläu-
fige tabellarische Übersicht über die Zeitstellung und Werkstattzu-
gehörigkeit von 250 römischen Prunksarkophagen des 3. Jahrhun-
derts n.Chr., AA 1977, 432fr".

53 K. Fittschen, Bemerkungen zu den Porträts des 3. Jahrhun-
derts n.Chr.,JdI 84, 1969, 197E - Bergmann (1977) 72ff.

54 Wessel a.O. 63 Abb. 1. - Wiggers-Wegner (1971) n7ff. Taf. 29ff.

55 Wiggers-Wegner (1971) 167fr. Taf. 42-43. - Vgl. J. Meischner,
Das Frauenporträt der Severerzeit (1967) 97fif.

'' Wiggers-Wegner (1971) 146fr". Taf. 38fr. - Bergmann (1977) 22ff.

Taf. 1,1-6.
' Vgl. Bergmann (1977) 72fr.

8 Vgl. die von Jung (1978) 329-368 behandelten Sarkophage dieses
Zeitraums.

9 s. Anm. 46.

0 B. Andreae-H. Jung, Vorläufige tabellarische Übersicht über die
Zeitstellung und Werkstattzugehörigkeit von 250 römischen
Prunksarkophagen, AA 1977, 434f

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