Andreae, Bernard [Hrsg.]; Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard [Hrsg.]; Robert, Carl [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (1,2): Die Sarkophage mit Darstellungen aus dem Menschenleben: Die römischen Jagdsarkophage — Berlin, 1980

Seite: 50
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2.2.1. DER LÖWEN JAGDSARKOPHAG IN KOPENHAGEN

des als Bildnis des Kaisers Balbinus angesehenen Bronzeporträts im Vatikan mit dem Porträt auf dem
Marmorsarkophag (Taf. 25,2) zeigt aber, wie naheliegend diese Benennung war. Die Porträts sind einander
bis in die Einzelheiten so ähnlich, wie man dies von kaum einem anderen Sarkophagporträt im Vergleich
zu einem benannten Kaiserporträt kennt. Nun hält die Benennung des Bronzeporträts im Vatikan aber
den methodisch schärferen Kriterien der neueren, vor allem mit den Namen M. Bergmann, K. Fittschen,
W. Trillmich und P. Zanker verbundenen Porträtforschung nicht stand. Es hat weder kolossales Format
noch ist es eine Replik des einzigen sicher benannten Porträts dieses Kaisers im Piräus222. Das Porträt
kann also ebenso gut einen Privatmann dieser Zeit darstellen. In diesem Fall muß man sich die Frage
vorlegen, ob es nicht den gleichen Mann wiedergibt, der auch auf dem Sarkophag verewigt ist. Wegen
der vollkommenen Ähnlichkeit ist das nicht ausgeschlossen, allerdings auch nicht zu beweisen. Dies Sarko-
phagporträt ist auf der anderen Seite den Münzbildnissen des Kaisers Balbinus223 stilistisch so nah verwandt,
daß kein Zweifel an der Datierung des Sarkophags jedenfalls in die Nähe der kurzen Regierungszeit dieses
Kaisers im Jahre 238 n.Chr. aufkommen kann. Das wird auch durch seinen ganzen stilistischen Habitus
bestätigt, der in die Zeit zwischen dem Sarkophag Borghese im Louvre (Kat. 65, Taf. 1,3) aus der Mitte
der dreißiger und dem werkstattgleichen Sarkophag Rospigliosi (Kat. 131, Taf. 12,1) aus der Mitte der vier-
ziger Jahre weist. Format, Kleinteiligkeit der Komposition, Flammenhaarstil und Gewandstilisierung schließen
an jenen an und weisen auf diesen voraus. Der Entwerfer des Sarkophags in Kopenhagen (Kat. 41, Taf.
22,1) löst die Schwierigkeit, die sich bei der Zusammenziehung der beiden Szenen auf den Hippolytos-
und Adonissarkophagen ergab224 und mit der sich die zweiszenigen Sarkophage auseinanderzusetzen hatten,
in radikaler Weise, indem er die Aufbruchszene fortläßt. Ersatzlos war das nicht möglich, denn dann wäre
die von den ästhetischen Gesetzen der römischen Kunst geforderte Zentralkomposition, die schon bei der
Entstehung des Sarkophagtypus der mythologischen Jagden ein künstlerisches Postulat war, nicht zu verwirk-
lichen gewesen. Im Typus der einszenigen Löwenjagdsarkophage werden deshalb zunächst zwei unspezifische
Jagdteilnehmer, die dem von Virtus begleiteten, reitenden Jagdherrn zu Fuß folgen, an die Stelle der Auf-
bruchszene gesetzt, während die Jagdszene unverändert übernommen wird. Der Sarkophag in Kopenhagen
(Kat. 41, Taf. 24,1) scheint einer der ersten dieser Form zu sein, denn bei ihm läßt sich noch genau feststellen,
woher er die beiden Jagdteilnehmer, den vorderen, der den Hund an der Leine führt, und den zweiten,
in Vorderansicht gewendeten, der nach links ausschreitet und nach rechts zurückblickt, übernommen hat.
Im gleichen Typus erscheinen König Oineus und der von Robert225 voller Gelehrsamkeit als Orcus bezeich-
nete, wahrscheinlich jedoch Herkules darstellende Doppelaxtträger auf den Meleagersarkophagen . Das
beste, dem Kopenhagener Sarkophag zeitlich nächststehende Beispiel bietet der Meleagersarkophag in Pisa228
aus der gleichen Werkstatt, der nur wenig früher entstanden sein dürfte als der Kopenhagener Sarkophag
(Kat. 41, Taf. 22,1). Um die Typen Übernahme nicht allzu auffällig zu machen, mußte der Schöpfer dieses
Sarkophages natürlich die Gewandung verändern und den König des langen Rockes sowie den Doppelaxtträ-
ger seines Fells entkleiden. Beide Figuren bekommen einen Chiton, der die rechte Schulter frei läßt, und
Stiefel an die Füße, aber die Haltung der Attribute, nämlich der wie ein Szepter gehaltene Jagdspeer
des linken und das anstelle der Doppelaxt über der Schulter getragene Jagdbeil des rechten, verrät ebenso
wie das unveränderte Bewegungsmotiv die Herkunft der Typen.

Der Sarkophag zeichnet sich durch eine besonders liebevoll gestaltete Umgebung der Jagdszene mit Land-
schaftselementen, Kleintier und verschiedenartiger Jagdbeute aus. Rechts und links übernehmen schmale
und hohe Felsformationen die Funktion einer seitlichen Rahmung. Links sitzt oben auf dem Felsen ein
kleiner Berggott (Taf. 26,6) mit Zweig in der Hand und beschattet die Augen, um die Jagdszene zu verfolgen.
Er ist so winzig, als ob er in weiter Ferne säße. Aber es ist eine Eigenart der Sarkophage dieser Zeit,
Beifiguren außerordentlich klein zwischen die großen Hauptfiguren zu setzen, wofür die Herkulessarkophage

Wiggers-Wegner (1977) 241 ff. bes. 248 Taf. 78 a. - L. Rocchetti,
Un nuovo ritrattodi Balbino, ASAtene 52/53, 1974/75 (1978) 392fr.
Anm. 4. - Vgl. K. Fittschen, GGA 230, 1978, 133flF.
Wiggers-Wegner (1971) Taf. 78b. - Rocchetti a.O. Abb. 9. Der
hier neu bekannt gemachte und mit Balbinus identifizierte Kopf
kann aus den oben mitgeteilten methodischen Erwägungen auch
nicht mit Sicherheit als Porträt dieses Kaisers angesehen werden.

Wiggers-Wegner (1971) Taf. 75.
s. Kap. 1.

Robert, ASR III 2, 273fr. - Vgl. Koch, ASR XII 6,8 mit Anm. 3.
F. Mellinghoff, Ein römischer Meleagersarkophag, Städeljb NF. 2,
1969, 29fr.

Koch, ASR XII 6 Nr. 8. 17. 21. 154. 23. 155. 52. 27. 26. 156.
Koch, ASR XII 6 Nr. 27 Taf. 40a.

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