Andreae, Bernard   [Hrsg.]; Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard   [Hrsg.]; Robert, Carl   [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (1,2): Die Sarkophage mit Darstellungen aus dem Menschenleben: Die römischen Jagdsarkophage — Berlin, 1980

Seite: 65
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2.3.2. DER SARKOPHAG IN MÜNCHEN

wie in dem glühenden Blick der zu Tode getroffenen Löwin. Aus solchen wie eine hervordrängende Kugel
gebildeten Augen mit Irisritzung und punktförmig gebohrter starrer Pupille werden die Stilmittel entwickelt,
mit denen der bösartige Blick tetrarchischer Löwen dargestellt werden sollte (Taf. 122,4-6).
Hier ist der Ausdruck eher der einer tragischen Gewalt. Das zeigt besonders deutlich das einzige auf der
Front erhaltene menschliche Antlitz des Jägers am rechten Rand (Taf. 34,4-5). Die durchfurchte Stirn mit
den Höckern über der Nasenwurzel und den scharfen Brauenkanten, der große Abstand vom inneren
Augenwinkel zum Nasenrücken, die gespannten Wangen und die leicht herabgezogenen Mundwinkel geben
dem Gesicht einen im wahrsten Sinne des Wortes steinernen Ernst. Die Bohrtechnik der Haare bestätigt
den späten Zeitansatz des Sarkophages. Die Bohrrillen sind weitgehend parallel gesetzt und bilden tiefe,
negative Dunkelfurchen, die noch hinausgehen über ähnliche Erscheinungen am Sarkophag Mattei I und
am sogenannten Plotinsarkophag, der durch sein Porträt in die Zeit des Probus ans Ende der 70er Jahre
datiert ist.

Die Reste des Porträts des Jagdherrn323 auf dem Mittelstück des Sarkophags (Taf. 34,2-3) reichen nicht
aus, um einen sicheren Anhaltspunkt für die Datierung zu geben. Das der Front zugewandte Profil des
Reiters ist durch einen von der Nasenwurzel zum Unterkieferansatz verlaufenden Bruch zerstört, die Nase
ist abgeschlagen. Was von dem Kopf erhalten ist, zeigt im Gegensatz zum ausdrucksstarken Antlitz des
Jägers am rechten Rand eine eher allgemeine rundliche Form mit schmallippigem, zugespitztem Mund und
mandelförmigem Auge unter einfach geritzten Augenbrauen. Die kurzen Haare sind mit nachlässigen Spitz-
meißelhieben ziemlich unordentlich überzogen, wobei jedoch zu bedenken ist, daß nur die vom Beschauer
abgewandte Seite erhalten blieb. Der Eindruck des Unfertigen hat aber doch etwas mit Qualität zu tun,
die bei diesem Porträtkopf nicht so hoch ist wie bei manchen anderen und deshalb zur Ermittlung der
Zeitstellung dieses Sarkophages kaum etwas hergibt.

Nachlässig wie so oft sind auch die Nebenseiten (Taf. 35,3-4) behandelt. Die linke zeigt in flachem Relief
den hinteren Teil des Pferdes, das durch den Torbogen an der Vorderkante herausgeführt wird. Das ist
ähnlich wie auf dem Sarkophag in Reims (Kat. 75, Taf. 21,1). Wie dort eilt hinter dem Pferd ein Knappe
herbei, der in der ausgestreckten Rechten einen Helm mit Helmbusch hält. Er ist selbst mit Panzer und
Schild gewappnet und trägt eine Kopfbedeckung, die ein Helm in Form einer phrygischen Mütze sein
könnte. Da das Relief aber nicht vollendet ist, könnte der Knauf auch als Bosse für die Ausarbeitung
eines Adlerkopfes gedient haben.

An der Oberfläche der linken Nebenseite sind die groben Meißelspuren stehengeblieben. Das Relief der
rechten Nebenseite (Taf. 35,4) ist weitergehend bearbeitet, hat aber auch seine letzte Glättung nicht mehr
erhalten. So ist nicht zu entscheiden, was der gekrümmte Gegenstand bedeutet, den der Mann im rechten
Arm hält. Mit der Linken führt er ein Pferd am Zügel. Er erscheint gestiefelt und in heroischer Gewandung.
Seine Haare sind voll und lockig. Es könnte sich um einen der Dioskuren handeln, die in ähnlichem Typus
an den Kanten mancher einszenigen Sarkophage324 begegnen, aber sicher ist dies nicht, vielmehr könnte
auch ein gewöhnlicher Jagdbegleiter gemeint sein.

Der Sarkophag, von dem die Münchener Fragmente stammen, ist ein wichtiges, man kann sagen, großartiges
Beispiel für das Weiterleben des zweiszenigen Typus der Löwenjagdsarkophage in nachgallienischer Zeit.
Als einziges erhaltenes Exemplar dieser Gattung aus der Zeit noch vor Diokletian schlägt er die Brücke
zu den wieder zahlreicheren zweiszenigen Sarkophagen tetrarchischer Zeit 5 und zu dem spätesten schon
in konstantinische Zeit gehörenden Exemplar in Sant'Elpidio (Kat. 204, Taf. 54,3).

Faßt man den Kopf des Jägers am rechten Rande (Taf. 34,4-5) ins Auge, so scheint es nicht ausgeschlossen,
daß hier noch die Werkstatttradition des mehr als eine halbe Generation früher entstandenen Großen Ludovisi-
schen Schlachtsarkophages326 zu greifen ist.

Die auf Taf. 34,2 wiedergegebene Gipsrekonstruktion des Porträt-
kopfes, die inzwischen abgenommen wurde, ist so stilrein, daß
man sich fragen muß, ob hier nicht ein Gipsabguß des Originalfrag-
mentes vorliegt, das z.Z. verschollen ist. Da dies aber nicht mit
Sicherheit auszumachen ist, wird hier auf Schlüsse aus diesem
Porträt für die Datierung des Sarkophages verzichtet.

Kap. 2.2.5-6.
Kap. 4.1.1-4.

Fittschen (1975) i4f. - Vgl. H. Jung, Zur Frage der Sarkophag-
werkstätten in gallienischer Zeit, AA 1977, 440 mit Anm. 330.

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