Andreae, Bernard [Hrsg.]; Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard [Hrsg.]; Robert, Carl [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (1,2): Die Sarkophage mit Darstellungen aus dem Menschenleben: Die römischen Jagdsarkophage — Berlin, 1980

Seite: 71
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3.2.3. DER SARKOPHAG IM KONSERVATORENPALAST

Denn dort ist der Löwe nicht im Sprung, sondern auf den ausschreitenden Hinterbeinen halb aufgerichtet
dargestellt. Auf dem Sarkophag in Viterbo (Kat. 246, Taf. 37,1) ist die kanonische Mittelgruppe auseinanderge-
zogen und dem Löwen, dessen Kopf zugleich in die Vorderansicht gedreht werden mußte, ein Beutetier
untergeschoben worden. Merkwürdigerweise ragt dem Keiler, dessen Vorderbeine ins Leere greifen, ein
Jagdspeer aus der Brust. Wie bei den meisten anderen Jagdsarkophagen schwingt der Jagdherr noch einen
Speer, der nur dem Löwen gelten kann. Während dieser einen Eber, der einen Jagdgehilfen niedergeworfen
hat, überwindet und durch den Biß ins Genick tötet, wird er selbst vom Jagdherrn überwunden. Die
Allmacht des Todes und seine Überwindung im Tode wird so in einem überladenen Bilde vorgetragen,
das aber hinter der Realität in der Arena weit zurückbleibt, wo bei oft einer einzigen Venatio Tausende
von Tieren sowie zum Tode ad bestias Verurteilte vor den Augen der Zuschauer ein gräßliches Ende fanden.
Der Realismus des Bildes, das rechts durch die Tierkampfgruppe eines Bären über einem Steinbock und
einen Jäger mit Speer und Bogen in Verfolgung eines nach rechts flüchtenden Hirsches erweitert ist, wird
auf der linken Seite durch die Hinzufügung zweier nur mit der Chlamys bekleideter Jagdteilnehmer ein-
geschränkt, in denen man wegen ihrer Zweizahl und der heroischen Aufmachung niemand anderen als
die Dioskuren erkennen darf.

Dem Schöpfer der Komposition des Sarkophages von Viterbo (Kat. 246, Taf. 37,1) ging es allem Anschein
nach um eine Verdeutlichung der Aussage der Löwenjagdsarkophage. Während er am Rande andere Todessze-
nen sich abspielen läßt, stellt er in die Mitte eine unerhört eindrucksvolle Sequenz des Kampfes aller gegen
alle, in der der Stärkere den Schwächeren überwindet und tötet. Über erlegtes Rotwild hinweg hatte der
Keiler angegriffen und einen Jäger zu Boden geworfen. Da trifft ihn die Lanze des Jagdherrn, und von
hinten hat ihn im Sprung der Löwe gepackt, der dadurch zum eigentlichen Bild des Todes wird, gegen
den nun der Grabinhaber antreten muß. Denn was kann es für einen Sinn haben, den Eber doppelt zu
töten, durch den tief im Herzen steckenden Jagdspeer und durch den Biß des Löwen?

Beides muß synonym sein. Im Augenblick da der Speer den Keiler durchbohrt, packt ihn der Tod, der
nun auch den anfällt, der im Grab bestattet ist. Der aber ist nicht allein. Die beiden Dioskuren, Beherrscher
der Sphären, sind gegenwärtig, um ihn zu begleiten, wenn er im Tode den im Löwen symbolisierten Tod
überwindet.

Dadurch, daß die symbolische Bildform der Tierkampfgruppe die allegorische Erzählungsform der Löwenjagd
überlagert, wird in diesem Exemplar in einem einzigen Bild die Aussage der Sarkophage verdichtet, auf
denen Löwenjagd und Tierkampfgruppe nebeneinander begegnen, sei es in der dekorativ rahmenden Art und
Weise des Wiener Sarkophages (Kat. 247, Taf. 36,1), sei es in der das Jagdbild additiv erweiternden des
Palermitaners (Kat. 64, Taf. 36,4).

3.2.3. Der Sarkophag im Konservatorenpalast

Einen wesentlich stärker schildernden Charakter hat die Sarkophagplatte im Konservatorenpalast (Kat. 110,
Taf. 37,4). Links ist eine Schilfhütte dargestellt, aus deren offener Tür ein Hund hervorspringt. Dann folgen
in einem durch Bäume angedeuteten >Wald< Tiere unter sich. Ein riesiger Mähnenlöwe ist über einen
nicht minder gewaltigen Keiler hergefallen und drückt dessen Hinterteil nieder. Mit den ausschreitenden
Hinterbeinen und dem dazwischen durchgeführten und über die linke Hintertatze gelegten Schwanz erinnert
er stärker an die Form auf dem Palermitaner Sarkophag (Kat. 64, Taf. 36,4), während der Eber demjenigen
auf dem Sarkophag in Viterbo (Kat. 24^, Taf. 37,1) ähnlich ist. Auch stilistisch kann dieser besser erhaltene
und nicht überarbeitete Sarkophag von den beiden anderen nicht weit getrennt werden. Unabhängig davon
gewinnt man eine Datierung des Sarkophages in das Jahrzehnt 270-280 durch einen Vergleich der dekorativ
ausgeführten Bohrrillen in der Mähne des Büffels339 oben links mit solchen Bohrlinien bei den Löwenköpfen
an Riefelsarkophagen, in deren Reihe er sich einordnen läßt. Hinter dem Löwen, der den Eber mit einem
Hieb der Vordertatze niedergeschlagen hat, springt ein anderer nach rechts hervor. Seit der »Löwenhölle«
des Kapitolinischen Sarkophages trifft man die kreuzweise aneinander vorbeispringenden Löwen immer
wieder. Hier verfolgt der Löwe offenbar die nach rechts sprengenden Jäger, denn der vordere blickt sich
um und scheint sein Pferd, indem er sich weit nach vorne lehnt, zu schnellerer Gangart anzustacheln.
Der andere, ein bärtiger, aber nicht mit porträthaften Zügen ausgestatteter Reiter, der an der Stelle erscheint,

5 Vgl. Anm. 166 und 341.

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