Andreae, Bernard [Hrsg.]; Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard [Hrsg.]; Robert, Carl [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (1,2): Die Sarkophage mit Darstellungen aus dem Menschenleben: Die römischen Jagdsarkophage — Berlin, 1980

Seite: 85
Zitierlink: 
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/asr1_2/0093
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
4.1.3. DER SARKOPHAG IN SAN SEBASTIANO I

werden muß, scheint er als ein Pendant zum Pferdeführer mit seinen beiden die senkrechte Kante betonenden
Jagdspeeren in der äußeren Hand figuriert zu haben. Damit ist die rahmende Funktion der Figuren an
den Kanten gegenüber dem Sarkophag im Cimitero Maggiore (Kat. 78, Taf. 53,1), den der Sarkophag
San Sebastiano I (Kat. 149, Taf. 2,2) vorauszusetzen scheint, wesentlich geklärt. Sie bilden den festen Abschluß
und Halt des noch stärker zusammengepreßten und gestauchten Figurengedränges im Relief. Ob mit der
formalen Abklärung auch eine inhaltliche zusammenging, läßt sich wegen des fragmentarischen Zustandes
dieses bedeutenden Sarkophages nicht mehr sicher erkennen, ist aber anzunehmen, da der Pferdeführer
nun barhäuptig dargestellt ist. Offizierspanzer und Adlerkopfhelm, die der Entwerfer des anderen Sarkophages
(Kat. 78, Taf. 53,1) der gleichen Figur gegeben hatte, gehören im Grunde zur Ausstattung von Personen
verschiedenen Standes. Auch wenn der eindrucksvolle Mann am linken Rande (Taf. 59,1) sein Pferd selbst
am Zügel führt, ist deutlich, daß er den Gepanzerten im Aufbruch auf den monumentalen Löwenjagdsarkopha-
gen Rospigliosi (Kat. 131, Taf. 12,1), Mattei II (Kat. 128, Taf. 13,1) und Reims (Kat. 75, Taf. 13,2) entspricht,
die ebenfalls barhäuptig auftreten. Merkwürdig ist allerdings die vollockige Haar- und Barttracht (Taf.
57,5-6), die eindeutig dem nicht individualisierten Jäger rechts (Taf. 57,8-9) entspricht und Zweifel daran
aufkommen lassen könnte, ob es sich wie bei den Sarkophagen in Spoleto (Kat. 208, Taf. 54,2) und S.
FJipidio (Kat. 204, Taf. 54,3) sowie wahrscheinlich auch in Siena (Kat. 206, Taf. 54,1) um den Jagdherrn
im Aufbruch handelt. Da der Kopf des Reiters, der den Löwen angreift, fehlt, und man nicht völlig sicher
sein kann, ob er nicht wie der Reiter auf den allerdings nicht eindeutig zu beurteilenden Sarkophagen
in Ince Blundell Hall (Kat. 40, Taf. 52,1) und Cannes I (Kat. 242, Taf. 55,4) ebenfalls vollockiges Haar
trug, muß dieses Problem offenbleiben.

Auffallend an diesem Sarkophag ist die Ausdrucksstärke der großen Köpfe, die an Formen, wie der Münchner
Sarkophag (Kat. 50, Taf. 34,1-5) sie bietet, anschließen, aber eine noch wesentlich gesteigerte maskenhafte
Erstarrung in den Gesichtszügen mit den großen, schmaloblongen Augen, den Wangenfalten und den scharf
angesetzten Lippen sowie in der Ornamentalisierung der Haarlocken zeigen. Der Bedeutung der Köpfe
entspricht die der übergroßen Hände, während Körper und Gliedmaßen eher schmächtig gebildet sind.
Die ganze Kraft seiner Ausdrucksfähigkeit hat der Bildhauer in die Gestaltung des Löwen und der den
Kopf zu ihm hochwerfenden Kreaturen Pferd und Hund (Taf. 59,2) gelegt. Die ornamentale Ordnung
der in aufgefächerten Strähnen herabfließenden Mähnenhaare kontrastiert zu der drohenden Häßlichkeit des
Löwengesichtes (Taf. 122,5), m dem das von einem Schattenring umgebene Auge scharf zu glühen scheint.
Die starrende Wut in diesem Löwengesicht wird durch den nach unten gesunkenen, im Tod erschlaffenden
Kopf des Löwen darunter wirkungsvoll gesteigert. Die fürchterliche Bedrängnis, in die alles auf diesem
Sarkophag geraten ist, wird ebenso durch die Gedrängtheit der Figuren wie durch ihre gewaltsam gehemmten
Bewegungen und den starken Gegensatz zwischen aufgewühlten Haaren, schmerzlich verzogenen Gesichtern
und großlinig gerillten und gekerbten, aber sonst glatten und in ihren Schrägen versteinten Gewändern
zum Ausdruck gebracht.

Als pars pro toto kann bei dem nur etwa zur Hälfte erhaltenen Sarkophag für die Stilbestimmung der Gestürzte
(Taf. 59,3) unter dem Jagdherrn dienen. Um das Gedränge vollständig zu machen, ist ihm wie den entsprechen-
den Figuren auf den Sarkophagen in Ince Blundell Hall (Kat. 40, Taf. 52,1) und im Museo Gregoriano
Profano des Vatikan (Kat. 234, Taf. 53,3) ein Pferd beigegeben, das mit ihm zusammenbricht, aber anders
als jene und wesentlich ausdrucksvoller den Kopf mit geöffnetem Maul hochwirft. In der ganzen Gruppe
sind nur der Kopf des Mannes, seine linke den Zügel umgreifende Hand und das Schwert in seiner Rechten
in einer den übrigen Figuren einigermaßen entsprechenden Proportion gegeben. Alles andere ist rigoros
verkleinert, um es in den engen Raum pressen zu können, ohne daß es dabei an Ausdrucksintensität verlöre.
Die brechenden Augen des Pferdes dienen ebenso der Ausdruckssteigerung wie das Ineinandergepreßtsein
von Mann und Roß, das wie in zwei Teile zerbrochen daliegt mit nach hinten wellig am Boden verlaufendem
Schwanz. Zusammengehalten wird das ganze durch die drei in ihrer Größe betonten Elemente, die zügelnde
Hand, den das Untier fixierenden Kopf und das gezückte Schwert. Ähnlich wirken die Hand mit den
Zügeln, der Kopf und die das Speerbündel umklammernde Faust bei dem ruhig und fest am linken Rande
stehenden Mann im Panzer (Taf. 59,1). Zu seinen Füßen zwischen die Beine seines Pferdes ist ein gewaltiger
Eber hingeworfen, dessen zurückgewandter Kopf zwischen den Beinen der über ihn hinwegschreitenden
Virtus herauskommt (Taf. 58,4). Die auf starken, aber bewußt eingesetzten Kontrasten beruhende künstlerische

85
loading ...