Andreae, Bernard   [Hrsg.]; Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard   [Hrsg.]; Robert, Carl   [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (1,2): Die Sarkophage mit Darstellungen aus dem Menschenleben: Die römischen Jagdsarkophage — Berlin, 1980

Seite: 105
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4.3.6. KINDERSARKOPHAGE IN ROM UND AJACCIO

Fesch aufbewahrt wird (Kat. i, Taf. 75,6). Ich konnte ihn im Sommer 1979 untersuchen und fotografieren.
Der Deckel in Malibu (Kat. 46, Taf. 75,3.4) zeigt die gleiche Szene eines vom Löwen niedergerissenen
Mannes wie der Kindersarkophag im MuseoNazionale Romano (Kat. 107, Taf. 75,5). Hier ist der steinschleu-
dernde Jäger aber in logisch überzeugender Weise so dargestellt, daß sein Wurf den Löwen treffen kann,
der den Jagdgefährten zu Boden geworfen hat und ihm Pranke und Reißzähne in die Schulter schlägt.
Die Darstellung auf dem Kindersarkophag im Museo Nazionale Romano (Kat. 107, Taf. 75,5) erweist sich
demgegenüber als die Anpassung eines Motivs, wie der Deckel in Malibu (Taf. 46, Taf. 75,3.4) es in logischer
Form bietet, an die dekorative Komposition des Kindersarkophages. Das spricht für eine spätere Entstehung
desselben.

Der Deckel in Malibu (Kat. 46, Taf. 75,3.4) fügt links an die Gruppe des vom Löwen niedergerissenen
Jagdteilnehmers zwischen Bäumen einen Jäger mit Hund an, der ins Knie gesunken ist und mit dem Speer
zum Wurf gegen den Löwen ausholt. Auf dem rechten Fragment ist ein vornübergebeugt herbeieilender
Jäger dargestellt, der den Speer in der linken Armbeuge trägt und die ausgebreitete Rechte gestikulierend
erhebt. Auf ihn zu flüchtet ein Hirsch.

Die Figuren sind in ganz verschiedenen Proportionen gegeben. Der aufrecht stehende Steinschleuderer ist
knapp halb so groß wie der unter dem Löwen Liegende. Das dürfte ein Hinweis auf ein Vorbild sein,
das dem Deckel in Malibu (Kat. 46, Taf. 75,3.4) mit seinem niedrigen Bildfeld angepaßt wurde und das
der Sarkophag im Thermenmuseum (Kat. 107, Taf. 75,5) auf seine Weise umgebildet wiedergibt"'16. Die Datie-
rung der Deckelfragmente (Kat. 46, Taf. 75,3.4),die zu einem Sarkophag von beträchtlichen Ausmaßen gehört
haben müssen, läßt sich am besten aus dem Stil der großen Eckmasken ableiten. Diese zeigen eine nahe
Verwandtschaft zu den Formen des bacchischen Riefelsarkophages in Cambridge, den F. Matz in einen
größeren Werkstattzusammenhang einordnen konnte und gegen 240 n.Chr. datiert hat517. Der Deckel in
Malibu könnte bis in die Zeit des Musensarkophags Torlonia318 aus der Mitte des Jahrhunderts verschoben
werden, aber weiter als in frühgallienische Zeit wird man ihn nicht hinabrücken können.
Damit ist für den Sarkophag im Thermenmuseum (Kat 107, Taf. 75,5) erst ein Terminus post quem gegeben.
Denn bei einem Vergleich verstärkt sich der Eindruck immer mehr, daß es sich hier um Erstarrungsformen
handelt, die von stilistischen Erscheinungen abgeleitet sind, wie der Deckel in Malibu (Kat. 46, Taf. 75,3.4)
sie bietet, und nicht um glatte und feste Körper wie auf Sarkophagen frühantoninischer Zeit, wohin man
den Kindersarkophag früher datieren wollte.

Dessen Spätdatierung wird noch wahrscheinlicher, wenn man ihn mit dem Sarkophag in Ajaccio (Kat. 1, Taf. 75,6)
vergleicht. Dieser bietet soviele unmittelbar verwandte, wenn auch im ganzen spätere Züge, daß man den
Sarkophag im Thermenmuseum (Kat. 107, Taf. 75,5) nicht allzuweit davon abrücken darf. Vergleichbar sind
die Gestalt der Bäume, das fächerförmig hochwehende Gewand des Reiters, die Formung der Tierkörper.
Die verwilderte Bohrtechnik beim Sarkophag in Ajaccio (Kat. 1, Taf. 75,6) erweist diesen eindeutig als
ein Werk tetrarchischer Zeit. Demnach bleibt auch für den Sarkophag im Thermenmuseum (Kat. 107,
Taf. 75,5) kaum ein weiterer Spielraum nach oben als das vorletzte Jahrzehnt des 3. Jahrhunderts. Aus
der Frühzeit der Sarkophagkunst hat er auszuscheiden und kann daher auch nicht als ein nach den Ergebnissen
dieses Corpusbandes ja auch völlig unverständlicher, hundert Jahre früherer Vorläufer der Löwenjagdsarko-
phage des 3.Jahrhunderts gelten. Er fügt sich vielmehr problemlos in die Gruppe der Kindersarkophage
mit dem Löwenjagdthema ein, die im letzten Jahrhundertviertel auftauchen und immer häufiger werden.
Die Tatsache, daß das Löwenjagdthema auch bei Sarkophagen von Kindern519 immer beliebter wird, zeigt
dessen symbolischen Gehalt an, der die Möglichkeit zu einer so weitgehenden Verinnerlichung des Gedankens
gibt, daß er zur Tröstung der Eltern auch auf den Tod von Kindern anwendbar wird.

6 Das gleiche Gruppenschema findet sich gegen Ende des 2.Jhs.
n.Chr. schon auf der Nebenseite des pamphylischen Sarkophages
in Providence, Rhode Island School of Design: B. Sismondo Ridg-
way, Catalogue of the Classical Collection (1972) 96fr. Nr. 38
Taf. 38L Hier ist das angreifende Tier allerdings ein Panther.

17 Matz, ASR IV 4, 472f. Nr. 282 Taf. 304,1; 306,1-3; 307,1.2;

308,1.2; 309,1.
118 Wegner, ASR V 3 Nr. 133 Taf. 60. 61. 62. 64a. 73 a.
19 Vgl. Koch (1974) 629.

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