Andreae, Bernard [Hrsg.]; Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard [Hrsg.]; Robert, Carl [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (1,2): Die Sarkophage mit Darstellungen aus dem Menschenleben: Die römischen Jagdsarkophage — Berlin, 1980

Seite: 115
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6.1.

DIE KOMPOSITION DER TREIBJAGDSARKOPHAGE

ben eines Hirschrudels (5) im Hintergrund die charakteristische Gestalt des Hirschbezwingers (6) in den
Vordergrund gesetzt ist, die an der gleichen Stelle auch auf den Sarkophagen in Orange (Kat. 58, Taf. 107,1),
Neapel (Kat. 57, Taf. 93,5), Domitilla (Kat. 85, Taf. 95,2), Arles P. (Kat. 4, Taf. 95,3) und im Konservatorenpa-
last (Kat. 112, Taf. 95,4) begegnet. Über das Verhältnis der Figur des Hirschbezwingers zum Grundmuster
muß noch besonders gehandelt werden 543. Die deutlichste Abweichung vom Grundmuster stellt die Anord-
nung einer Löwenjagd (4) in der Mitte dar, die ohne verständlichen Übergang fast wie ein Ausschnitt
aus einem anderen Zusammenhang zwischen die beiden Treibjagden gesetzt ist. Die Ausschnitthaftigkeit
wird hier besonders deutlich, weil auf der linken Seite das Hinterteil des Pferdes, das der Jagdherr reitet,
und auf der rechten das Hinterteil des Löwen von den anschließenden Szenen überschnitten werden. Die
Löwenjagdszene wirkt in der Tat wie der Mittelabschnitt eines der kanonischen Löwenjagdsarkophage.
Besonders gut vergleichbar ist der aus derselben Zeit stammende Sarkophag in Spoleto (Kat. 208, Taf. 54,2).
Es kann kaum ein Zweifel daran sein, daß die Löwenjagdszene in den Zusammenhang der Treibjagden
als ein Fremdkörper eingedrungen ist544.

Zum gleichen Ergebnis kommt man durch folgende Überlegung. Wie ein Blick auf den Kreuzplan S.113
lehrt, sind auf den Sarkophagen alle Szenen miteinander kombiniert worden mit Ausnahme der Hirschjagd
(3) und der Löwenjagd im kanonischen Typus (4). Da in diesen beiden Szenen jeweils der Jagdherr als
integrierender Bestandteil der Komposition erscheint, schließen sie einander aus 545. Da nun in den Löwen-
jagdszenen der Treibjagdsarkophage ebenso wie auf den früheren Löwenjagdsarkophagen niemals die Alicula
als Tracht der Jäger erscheint, während sie bei den Hirschjagden der Treibjagdsarkophage geläufig ist,
kann man schließen, daß die Löwenjagd als ein Fremdkörper in die ursprüngliche Komposition der Treibjagd-
sarkophage eingedrungen ist und die Hirschjagd verdrängt hat, die demnach integrierender Bestandteil der
ursprünglichen Komposition war.

Wenn dem so ist, wird aber auch der Zusammenhang des Sarkophags in Deols (Kat. 27, Taf. 93,1) mit
dem Grundmuster, wie der Sarkophag in der Villa Doria (Kat. 185, Taf. 95,1) es bietet, deutlicher. Auch
dieser zeigt drei Szenen, eine Treibjagd mit Netz im linken Drittel, eine Jagd zu Pferd in der Mitte und
eine Treibjagd mit Netz im rechten Drittel.

Diese drei Elemente waren im Extremfall offenbar austauschbar, wie besonders eindrucksvoll der zeitlich
nächste Sarkophag in Pisa (Kat. 71, Taf. 92,6) lehrt. Auch dieser Sarkophag bietet drei Szenen. Im linken
Drittel erscheint hier spiegelverkehrt das bei allen anderen Sarkophagen die Sequenz auf der rechten Seite
abschließende Netztreiben eines Hirschrudels. Auch die Gestalt des Kapuzenreiters (Taf. 128), die auf den
Sarkophagen in Deols (Kat. 27, Taf. 93,1), Orange (Kat. 58, Taf. 107,1), Cahors (Kat. 22, Taf. 93,2), Neapel
(Kat. 57, Taf. 93,5), Osimo (Kat. 59, Taf. 94,1), Villa Doria (Kat. 185, Taf. 95,1), Domitilla (Kat. 8 5, Taf. 95,2),
Arles P. (Kat. 4, Taf. 95,3), Konservatorenpalast (Kat. 112, Taf. 95,4) die Figurenfolge rechts beschließt,
fehlt hier nicht auf der linken. Sie ist offenbar ein integrierender Bestandteil der den Treibjagdsarkophagen
zugrundeliegenden Komposition. Die Frage drängt sich auf, was den Steinmetz oder den Entwerfer des
Pisaner Sarkophags (Kat. 71, Taf. 92,6) zur Umstellung des Hirschtreibens (5) veranlaßt haben könnte.
Wenn man sich mit dem einfachen Wunsch nach bescheidener Originalität oder zumindest nach Variation
als naheliegender Erklärung nicht abfinden will, bleibt die Tatsache, daß hier die Jagd auf den Eber, die sich
seit den mythologischen Jagddarstellungen auf den Sarkophagen des 2. Jahrhunderts in der Sarkophagkunst
besonderer Beliebtheit erfreute, in den Mittelpunkt gerückt ist. Hier ist der Jäger nicht zu Fuß wiedergegeben
wie auf den Meleagersarkophagen546 und auf den meisten anderen Treibjagdsarkophagen, sondern zu Pferd,
wie auf den Hippolvtossarkophagen547 und auf einer Reihe nicht mythologischer römischer Eberjagdsarko-
phage548.

Der Eberjagd ist dadurch eine besondere Emphase gegeben. Aus diesem Grund erscheint sie auch in der
Mitte der Komposition, das heißt an der Stelle, wo auf dem Sarkophag in Deols (Kat. 27, Taf. 93,1) die

Kap. 6.3.

Rodenwaldt (1921/22) 68 scheint darauf anzuspielen, wenn er im
Zusammenhang mit der Variationsfreude bei diesen Sarkophagen
feststellt: »Man verwendet dazwischen Gruppen klassischer Jagd-
darstellungen. «

Nur auf dem Sarkophag in Potsdam-Sanssouci (Kat. 73,
Taf. 94,2.3) ist an die geläufige Szenenabfolge: Eberjagd (2),

Hirschjagd (3), Hirschtreiben mit Netz (5) an der linken Seite
eine Löwenjagdszene unkanonischer Form angefügt (Taf. 106,1).

6 Koch, ASR XII 6, 7-26 Taf. 1-63. Nur auf dem Kindersarkophag
in Würzburg a.O. Nr. 72 und auf einigen attischen Sarkophagen
a.O. Nr. 17; 176. 177 begegnet der Held zu Pferd.

7 s. Anm. 22.

8 Kap. 5 Taf. 89-91.

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