Andreae, Bernard   [Hrsg.]; Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard   [Hrsg.]; Robert, Carl   [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (1,2): Die Sarkophage mit Darstellungen aus dem Menschenleben: Die römischen Jagdsarkophage — Berlin, 1980

Seite: 134
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ZUSAMMENFASSUNG

Lückblick stellt die Geschichte der römischen Jagdsarkophage sich als die ebenso konsequente wie
an Wendungen und schöpferischen Neuansätzen reiche Entwicklung eines fruchtbaren Grundgedankens dar.
Drei Aspekte treten in den Vordergrund.

In einer krisenhaften, von äußeren und inneren Erschütterungen heimgesuchten Zeit spiegelt diese Entwick-
lung bis zu einem gewissen Grade die Umschwünge der geschichtlichen Ereignisse wider.
Interessanter noch ist, daß sie die Kontinuität einer im innersten keineswegs gebrochenen, sondern von
starken geistigen Impulsen gelenkten Gesellschaft anschaulich werden läßt, die auf andere Weise als die
brüchige, im Kaiser repräsentierte Regierungsmacht in einem weitgehend anarchischen Jahrhundert619 staats-
tragend und gesellschaftsprägend war. Schon durch ihre Existenz verhinderte sie einen vorzeitigen Zusam-
menbruch des römischen Reiches, dessen Krise sie jedoch mitzuverantworten hatte.

Als eine der Ursachen dieser Krise wird das Ungenügen an der römischen Staatsreligion angesehen, die
in unfruchtbaren Loyalitätsbekundungen erstarrt war. Erlösungsreligionen gewannen immer mehr an Einfluß.
Die Kaiser wurden zu einer Religionspolitik gezwungen, die im Schwanken zwischen den Extremen der
religiösen Verfolgung und der Aufnahme orientalischer Kulte in die politische Staatsreligion, wie im Fall
des Deus Sol Invictus unter Aurelian, schließlich zur Tolerierung des Christentums und sogar zu dessen
Sieg über die heidnischen Religionen führte. Es war ein Grundzug der Zeit, daß die Menschen die Frage
nach dem Sinn von Leben und Tod neu stellten. Deshalb ist der inhaltliche Aspekt der Jagddarstellungen
auf den Grabmälern in seinem Wandel nicht weniger wichtig als der historische und der soziologische.
Es ist bemerkenswert, daß die römische Gesellschaft des 3. Jahrhunderts sich nicht wie die der vorhergehenden
Jahrhunderte in erster Linie durch Großbauten oder Denkmäler verewigte, die den Staat in der kaiserlichen
Macht verherrlichen, wie die reliefgeschmückten Triumphbögen oder Forumsanlagen, sondern daß sie einen
monumentalen Ausdruck in privaten Grabdenkmälern suchte. Die Sarkophagkunst nimmt im Rom des

3. Jahrhunderts gegenüber dem 2. Jahrhundert einen solchen Platz ein, daß G. Rodenwaldt619 die grundsätz-
liche, nicht nur auf dem Überlieferungsstand beruhende Feststellung treffen konnte: »Die Kunstgeschichte
des dritten Jahrhunderts wird auf der Behandlung des Porträts und der Sarkophage aufgebaut werden müssen.«
Beide Gattungen entspringen dem Wunsch nach Verewigung.

In den Jagdsarkophagen läßt sich die Leistung der römischen Kunst im 3. und in der ersten Hälfte des

4. Jahrhunderts unter vielen Gesichtspunkten am folgerichtigsten nachvollziehen, und zwar als die Entfaltung
einer zur Darstellung drängenden Idee, deren Bildwerdung die stilistische Entwicklung bestimmt in dem
Sinne, daß für den neuen Inhalt eine adäquate Form gefunden werden muß. Diese Entwicklung baut auf
dem erreichten Niveau der Sarkophagkunst auf, die in den mythologischen Sarkophagen, den Musen- und
Hochzeitssarkophagen oder dem Schlachtsarkophag von Portonaccio bereits eine erstaunliche Höhe erreicht
hatte620. Aber, was man mit den Reliefs dieser Sarkophage ausdrücken konnte, genügte offenbar einer bestimm-
ten, keineswegs homogenen Schicht reicher Römer in einer von wachsenden Gefahren bedrohten Zeit nicht
mehr. Nach einer Phase des Experimentierens, in der man der Mvthendarstellung neue Nuancen abgewinnen
will, welche mit dem Bildungsstand und den religiösen Hoffnungen und Wünschen dieser Zeit besser
übereinstimmen, geht aus den römischen Sarkophagwerkstätten der Zeit 220/30 n.Chr. der neue Typus
der römischen Löwenjagdsarkophage hervor (S. iyff.).

617 Vgl. außer der in Anm. 40 und 340 aufgeführten Literatur: H. La grande mosa'ique de Chasse du Triclinos, Fouilles d'Apamec

Blümner a.O. 51 2 526. - Aymard (1951) mit ausführlicher Biblio- de Syrie, Miscellanea 2 (1969). - Egger-Mundt (1976).

graphie S. 561 ff. - Ders., Quelques scenes de chasse Sur une mosa- 618 Vgl. A. Heuss, Römische Geschichte2 (1964) 427.

l'que de l'Antiquarium, MEFRA 54, 1937, 42fr. - L. Poinssot 619 Rodenwaldt (1936) 82.

P. Quoniam, Betes d'amphitheatre sur trois mosa'iques du 620 Matz (1958) i66f. I-IV, i88ff. - Vgl. die in der tabellarischen

Bardo, Karthago 3, 1951/5 2, 15 7fr. - Lavin, a.O. 1 79fr. - J. Balty, Übersicht AA 1977, 434f. in den Jahrzehnten 180-230 zusammen-
gestellten Prunksarkophage.

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